Kapitel 1

EinfĂŒhrung Hormonsystem

Was sind Hormone, wie wirken sie, und wie ist das endokrine System aufgebaut?

Was sind Hormone?

Das Wort Hormon kommt aus dem Griechischen (horman = antreiben). Hormone sind chemische Botenstoffe, die von spezialisierten DrĂŒsen direkt ins Blut abgegeben werden und so entfernte Zielorgane erreichen. Schon kleinste Konzentrationen (10⁻âč bis 10⁻ÂčÂČ mol/l) genĂŒgen fĂŒr weitreichende Effekte.

Hormone regulieren: Wachstum und Entwicklung, Reproduktion, Stoffwechsel, Wasser- und Salzhaushalt, Stressantwort und das innere Gleichgewicht (Homöostase).

Endokrine DrĂŒsen geben ihr Sekret nach innen — direkt ins Blut. Exokrine DrĂŒsen (SchweißdrĂŒsen, VerdauungsdrĂŒsen) geben ihr Sekret nach außen ab, z. B. in den Darm oder auf die Haut. Manche Organe sind beides: Das Pankreas ist exokrin (Enzyme → Darm) und endokrin (Insulin → Blut).
Das SchlĂŒssel-Schloss-Prinzip

Hormone wirken nur an Zellen mit passendem Rezeptor. Ein Hormon ohne seinen Rezeptor hat keine Wirkung — wie ein SchlĂŒssel ohne Schloss. Rezeptoren sitzen entweder auf der Zellmembran (Peptidhormone) oder im Zellinnern/Kern (Steroid- und SchilddrĂŒsenhormone). Die Bindung löst eine Signalkaskade aus, die zellulĂ€re Prozesse aktiviert oder hemmt.

Hormonklassen
KlasseBeispieleBesonderheit
AminosĂ€ure-AbkömmlingeSchilddrĂŒsenhormone T3/T4 (Tyrosin + Jod); Adrenalin, Noradrenalin (Tyrosin)Membran-Rezeptor (Katecholamine) oder Kernrezeptor (T3/T4); schnell wirkend
PeptidhormoneInsulin, Glukagon, ADH, PTH, alle HypophysenhormoneWasserlöslich, Membran-Rezeptor, schnelle Wirkung; oral inaktiv (werden im Magen verdaut)
SteroidhormoneKortisol, Aldosteron, Östrogen, Testosteron, Progesteron — alle aus Cholesterin!Fettlöslich, Kernrezeptor, langsamere aber lang anhaltende Wirkung
EikosanoideProstaglandine, Thromboxane, Leukotriene (aus ArachidonsĂ€ure)Gewebshormone (parakrin), wirken lokal; Rolle bei EntzĂŒndung, Schmerz, Fieber
Hierarchie des Hormonsystems

Das endokrine System ist dreistufig aufgebaut — wie eine Befehlskette:

① Hypothalamus
Oberstes Steuerzentrum im Zwischenhirn. Gibt Releasing- (RH) und Inhibiting-Hormone (IH) an die Hypophyse ab.
② Hypophyse
Übergeordnete DrĂŒse in der SchĂ€delbasis (Sella turcica). VL und HL mit unterschiedlichen Aufgaben. Steuert die peripheren DrĂŒsen.
⑱ Periphere DrĂŒsen
SchilddrĂŒse, Nebennieren, Gonaden — produzieren die eigentlichen Effekthormone (T3/T4, Kortisol, Sexualhormone).
⚠ Ausnahmen
NebenschilddrĂŒsen (PTH) und Pankreas (Insulin) reagieren direkt auf Blutspiegel (CaÂČâș bzw. Glukose) — ohne Hypothalamus/Hypophyse!
Negativer Feedback-Mechanismus

Der Hormonspiegel wird durch negativen Feedback konstant gehalten: Steigt das Effekthormon (z. B. Kortisol), hemmt es Hypothalamus und Hypophyse → weniger AusschĂŒttung → Spiegel sinkt. FĂ€llt es, wird die AusschĂŒttung stimuliert → Spiegel steigt. Das Ziel ist immer ein konstantes Niveau (Homöostase).

Denk an einen Thermostat: Zu warm → Heizung aus. Zu kalt → Heizung an. Der Hormonspiegel ist die „Temperatur", Hypothalamus und Hypophyse sind der „Thermostat".
Kapitel 2

Hypothalamus & Hypophyse

Hormone, Regelkreise, Erkrankungen — das Steuerzentrum des Endokrinium

Hypothalamus

Der Hypothalamus liegt im Zwischenhirn und ist die Schnittstelle zwischen Nervensystem und Hormonsystem (neuroendokrine Kontrolle). Er produziert Releasing-Hormone (RH), die die Hypophyse zur AusschĂŒttung stimulieren, und Inhibiting-Hormone (IH), die sie bremsen. Zwei Hormone werden im Hypothalamus gebildet und im Hypophysen-Hinterlappen gespeichert: ADH und Oxytocin.

HormonKĂŒrzelWirkung auf Hypophyse
Thyreotropin-Releasing-HormonTRH→ HVL schĂŒttet TSH aus → SchilddrĂŒse: T3/T4 ↑
Corticotropin-Releasing-HormonCRH→ HVL schĂŒttet ACTH aus → NNR: Kortisol ↑
Gonadotropin-Releasing-HormonGnRH→ HVL schĂŒttet FSH + LH aus → Gonaden: Sexualhormone ↑
Growth-Hormone-Releasing-HormonGHRH→ HVL schĂŒttet STH aus
Somatostatin (GH-Inhibiting-H.)GHIH→ Hemmt STH (+ Insulin + Glukagon!)
Prolaktin-Inhibiting-Hormon (= Dopamin)PIH→ Hemmt Prolaktin-AusschĂŒttung aus HVL
ADH (Adiuretin / Vasopressin)ADH→ Im HHL gespeichert → Niere: WasserrĂŒckresorption ↑, Harnkonzentrierung
OxytocinOT→ Im HHL gespeichert → Uterus: Wehen; BrustdrĂŒse: Milchejektionsreflex
ADH und Oxytocin werden im Hypothalamus gebildet, aber im Hypophysen-Hinterlappen gespeichert und von dort ins Blut abgegeben. Der Hinterlappen ist keine echte DrĂŒse, sondern umgewandeltes Hirngewebe (Neurohypophyse).
Hypophyse — Vorderlappen (HVL)

Der HVL ist die eigentliche HormondrĂŒse. Er produziert auf Befehl des Hypothalamus 7 Hormone. Man unterscheidet glandotrope (steuern andere DrĂŒsen) und nicht-glandotrope Hormone (wirken direkt auf Gewebe):

HormonKĂŒrzelZielorganWirkung
Thyreoidea-stimulierendes HormonTSHSchilddrĂŒseT3/T4-Produktion und -Freisetzung ↑
Adrenocorticotropes HormonACTHNebennierenrinde (Zona fasciculata + reticularis)Kortisol und Androgene ↑ (nicht Aldosteron!)
Follikelstimulierendes HormonFSHOvar / HodenFollikelreifung (♀); Spermatogenese (♂)
Luteinisierendes HormonLHOvar / HodenOvulation + Progesteronbildung (♀); Testosteron (♂)
Somatotropes Hormon (Wachstumshormon)STH / GHLeber, Knochen, MuskelWachstum ↑; BZ ↑ (Insulin-Antagonist!); Lipolyse ↑
ProlaktinPRLBrustdrĂŒseMilchproduktion ↑; hemmt GnRH → FSH/LH ↓ (Laktationsammenorrhoe)
MSH (Melanozyten-stim. Hormon)MSHMelanozytenMelanin-Bildung ↑ → Hautpigmentierung; strukturverwandt mit ACTH!
ACTH und MSH entstehen aus demselben VorlĂ€uferprotein (POMC). Bei stark erhöhtem ACTH (z. B. Morbus Addison) → ACTH besetzt auch MSH-Rezeptoren → Hyperpigmentation. Das ist der Mechanismus der Addison-typischen BrĂ€unung.
Erkrankungen der Hypophyse
Prolaktinom

HĂ€ufigstes hormonell aktives Hypophysenadenom. Unkontrollierte Prolaktin-Produktion → hemmt GnRH → FSH/LH ↓ → Gonaden unteraktiv.

Frauen
SekundÀre Amenorrhoe, ausbleibender Eisprung
Galaktorrhoe (Milchaustritt außerhalb der Stillzeit)
Libidoverlust, Osteoporose (Östrogenmangel)
MĂ€nner
Libidoverlust, erektile Dysfunktion
GynÀkomastie, InfertilitÀt
Oft Makroadenom → Kopfschmerzen, Gesichtsfeldausfall

Große Adenome können auf die Sehnervenkreuzung (Chiasma opticum) drĂŒcken → bitemporale Hemianopsie. Therapie: Dopaminagonisten (Cabergolin, Bromocriptin) — Dopamin hemmt Prolaktin. In ~95 % gutes Ansprechen. OP bei Versagen oder Kompression.

Akromegalie / HypophysÀrer Gigantismus

STH-produzierendes Adenom. Wirkung abhÀngig vom Lebensalter:

Vor Epiphysenschluss (Kinder/Jugendliche): HypophysĂ€rer Riesenwuchs (Gigantismus) — KörpergrĂ¶ĂŸe ĂŒber 2 m
Nach Epiphysenschluss (Erwachsene): Akromegalie — VergrĂ¶ĂŸerung von Akren (HĂ€nde, FĂŒĂŸe, Nase, Kinn, ÜberaugenwĂŒlste), Organomegalie, Hypertonie. Ca. 15 % entwickeln Diabetes mellitus (STH antagonisiert Insulin)

Diagnose: erhöhtes IGF-1, STH nach Glukosegabe nicht supprimierbar (oraler Glukosetoleranztest). MRT Hypophyse. Therapie: transphÀnoidale OP (hÀufigste Wahl), dann Somatostatinanaloga.

Diabetes insipidus

ADH-Mangel (zentral) oder fehlende Nierenreaktion auf ADH (nephrogen). Die Nieren können Wasser nicht zurĂŒckhalten → riesige Mengen verdĂŒnnter Urin.

Polyurie: 5–25 Liter/Tag, Urin wasserklar und hypoton (spez. Gewicht < 1005)
Polydipsie: extremer Durst als Kompensation
Unbehandelt: HypernatriÀmie, Exsikkose, Schock
Diabetes insipidus ≠ Diabetes mellitus! Gemeinsam: Polyurie + Polydipsie. Unterschied: Beim D. insipidus ist der Blutzucker normal, beim D. mellitus erhöht. Im Notfall immer Blutzucker messen! HP-Grenze: ungeklĂ€rte Polyurie → Facharzt.

Therapie zentrater Form: Desmopressin (ADH-Analogon) nasal oder oral. Kausal: Tumorbehandlung.

HVL-Insuffizienz (Panhypopituitarismus)

Ausfall des HVL durch Tumor, Trauma, Sheehan-Syndrom (Hypophyseninfarkt post partum), Bestrahlung, Autoimmun. Symptome erst ab > 70 % Gewebsverlust manifest. Ausfallreihenfolge typischerweise: STH → FSH/LH → TSH → ACTH → Prolaktin.

Ausgefallenes HormonFolge
STH (zuerst)Kinder: Minderwuchs; Erwachsene: Muskelschwund, Fettumverteilung, MĂŒdigkeit, Osteoporose
FSH / LHAmenorrhoe, Libidoverlust, Potenzstörung, RĂŒckgang SekundĂ€rbehaarung
TSHSekundĂ€re Hypothyreose (TSH ↓ → T3/T4 ↓)
ACTHSekundĂ€re NNR-Insuffizienz (Kortisol ↓) — keine Hyperpigmentation, da ACTH fehlt!
MSH fehltBlasse, alabasterfarbene Haut
Prolaktin fehltLaktationsstörung post partum
Kapitel 3

Die SchilddrĂŒse

Anatomie, T3/T4, Kalzitonin, Regelkreis, Jodstoffwechsel

Anatomie und Lage

Die SchilddrĂŒse (Glandula thyreoidea) ist schmetterlingsförmig, wiegt 18–25 g und liegt vor der Trachea unterhalb des Larynx. Zwei Lappen, verbunden durch den Isthmus. Sie ist am Schildknorpel befestigt → bewegt sich beim Schlucken mit (klinisches Zeichen!). Das Parenchym besteht aus Follikeln, gefĂŒllt mit Kolloid (Thyreoglobulin als Speicherform).

Zwei Zelltypen: Thyreozyten (Follikelzellen) → bilden T3 und T4. C-Zellen (parafollikulĂ€re Zellen) → bilden Kalzitonin.

SchilddrĂŒsenhormone T3 und T4

Bildung: Tyrosin + Jod → T3 (3 Jodatome) und T4 (4 Jodatome). Im Blut zu ~99 % an Transportproteine gebunden (v. a. TBG). Biologisch aktiv ist nur der freie Anteil (fT3, fT4). T4 ist das eigentliche Hauptsekretionsprodukt, wirkt aber als Prohormon — in Zielgeweben wird T4 durch Dejodierung zu T3 aktiviert (5-fach höhere WirkstĂ€rke).

T3T4 (Thyroxin)
Jodatome34
Anteil Sekretionca. 20 % direktca. 80 % (Hauptprodukt)
Biologische AktivitĂ€tStĂ€rker (3–5×)SchwĂ€cher (Prohormon)
Halbwertszeit~1 Tag~7 Tage (lÀnger!)
UmwandlungT4 → T3 durch Dejodierung in Leber, Niere, Muskel
Wirkungen der SchilddrĂŒsenhormone

SchilddrĂŒsenhormone erhöhen den Grundumsatz nahezu aller Zellen (Rezeptoren in fast allen Geweben). Das erklĂ€rt die vielfĂ€ltigen Symptome bei Über- und Unterfunktion:

Energiestoffwechsel
Grundumsatz ↑, WĂ€rmeproduktion ↑, O₂-Verbrauch ↑, Glukose- und Fettabbau ↑
Herz/Kreislauf
HF ↑, Schlagkraft ↑, RR ↑ (Überfunktion → Tachykardie; Unterfunktion → Bradykardie, Perikarderguß)
Nervensystem
Erregbarkeit ↑, Reflexe ↑ (Überfunktion → Tremor, NervositĂ€t; Unterfunktion → Verlangsamung, Depression)
Magen-Darm
MotilitĂ€t ↑ → Überfunktion: DurchfĂ€lle; Unterfunktion: Obstipation, Übelkeit
Wachstum
Essentiell fĂŒr ZNS-Reifung (Kretinismus bei angeborenem Mangel!), Knochen- und Muskelwachstum
Körpergewicht
Überfunktion → Gewichtsabnahme trotz Heißhunger. Unterfunktion → Gewichtszunahme trotz normaler ErnĂ€hrung
Regelkreis der SchilddrĂŒse

Klassischer negativer Feedback: Hypothalamus (TRH) → HVL (TSH) → SchilddrĂŒse (T3/T4) → Hemmung von Hypothalamus und HVL. TSH ist der empfindlichste Marker fĂŒr die Funktion:

TSH ↑ bei normalen fT3/fT4 = latente (subklinische) Hypothyreose
TSH ↑ bei erniedrigten fT3/fT4 = manifeste Hypothyreose (primĂ€r)
TSH ↓ bei erhöhten fT3/fT4 = Hyperthyreose (supprimiertes TSH)
TSH ↓ bei erniedrigten fT3/fT4 = sekundĂ€re Hypothyreose (HVL-Insuffizienz)
Jodtagesbedarf Erwachsene: 150–200 Mikrogramm (ÎŒg) — nicht Milligramm! HĂ€ufige PrĂŒfungsfalle. Ohne Jod kein T3/T4 → Struma (SchilddrĂŒse vergrĂ¶ĂŸert sich kompensatorisch).
Kalzitonin

Kalzitonin wird in den C-Zellen (parafollikulĂ€ren Zellen) der SchilddrĂŒse gebildet — nicht der NebenschilddrĂŒse! Es senkt den Kalziumspiegel durch Hemmung der Osteoklasten (weniger Knochenabbau) und Förderung der renalen Kalziumausscheidung. Antagonist ist das Parathormon. Klinisch dient der Kalzitoninspiegel als Tumormarker fĂŒr das medullĂ€re SchilddrĂŒsenkarzinom (aus C-Zellen).

Kapitel 4

NebenschilddrĂŒsen & Kalziumhaushalt

PTH, Kalzitonin, Vitamin D — Regulation und Erkrankungen

NebenschilddrĂŒsen — Anatomie

Vier Glandulae parathyroideae (Epithelkörperchen), jeweils linsengroß, liegen paarweise an der RĂŒckflĂ€che der SchilddrĂŒse. Sie produzieren Parathormon (PTH), ein Peptidhormon. Ihre AktivitĂ€t hĂ€ngt direkt vom ionisierten Kalziumspiegel im Blut ab — kein Hypothalamus/Hypophyse-Zwischenglied.

Die drei Regulatoren des Kalziumhaushalts
HormonBildungsortWirkung auf CaÂČâșReiz zur AusschĂŒttung
Parathormon (PTH)NebenschilddrĂŒsen↑ erhöht CaÂČâșNiedriger CaÂČâș-Spiegel → PTH ↑
KalzitoninC-Zellen der SchilddrĂŒse↓ senkt CaÂČâșHoher CaÂČâș-Spiegel → Kalzitonin ↑
Calcitriol (aktives Vit. D)Aktivierung in der Niere (PTH-abhĂ€ngig)↑ erhöht CaÂČâșPTH stimuliert Aktivierung
PTH — Wirkungsmechanismus (3 Wege)
Knochen: Aktiviert Osteoklasten → Knochenmatrix wird abgebaut → CaÂČâș und Phosphat ins Blut freigesetzt
Niere: Hemmt CaÂČâș-Ausscheidung (CaÂČâș wird rĂŒckresorbiert). Gleichzeitig: Phosphat-Ausscheidung erhöht → Phosphat sinkt im Blut (wichtig fĂŒr PrĂŒfung!)
Niere (Vitamin D): Stimuliert 1α-Hydroxylase → inaktives 25-OH-D₃ wird zu aktivem Calcitriol (1,25-(OH)₂-D₃) → Darm resorbiert mehr CaÂČâș und Phosphat
PTH erhöht CaÂČâș im Blut, senkt aber Phosphat. Labor-Merkregel: Hyperparathyreoidismus → CaÂČâș ↑, Phosphat ↓. Hypoparathyreoidismus → CaÂČâș ↓, Phosphat ↑ (weil Phosphat nicht mehr ausgeschieden wird).
Vitamin D — Bildung und Aktivierung

Vitamin D ist eigentlich ein Steroidhormon. Die Bildung lÀuft in drei Stationen:

Haut: UV-B-Strahlen wandeln 7-Dehydrocholesterin → Cholecalciferol (Vitamin D₃) um. Wichtigste Quelle!
Leber: 25-Hydroxylierung → Calcidiol (25-OH-D₃) — Speicherform, biologisch wenig aktiv. Dieser Wert wird im Labor gemessen zur Statusbestimmung.
Niere: 1α-Hydroxylierung → Calcitriol (1,25-(OH)₂-D₃) — biologisch aktive Form. Dieser Schritt wird durch PTH angeregt und durch hohen CaÂČâș- und Phosphatspiegel gehemmt.

Wirkung Calcitriol: CaÂČâș-Resorption im DĂŒnndarm ↑, CaÂČâș-RĂŒckresorption in Niere ↑, Knochenaufbau ↑. Mangel → Rachitis (Kinder: Knochenverformungen) oder Osteomalazie (Erwachsene: weiche, schmerzende Knochen).

Drei Organe fĂŒr Vitamin D: Haut (UV) → Leber → Niere. Nierenkranke können Vitamin D nicht aktivieren → sekundĂ€rer Hyperparathyreoidismus (PTH↑ wegen Calcitriolmangel → CaÂČâș-Mangel).
Erkrankungen
Hyperparathyreoidismus (HPT) — CaÂČâș ↑

PrimĂ€r: Adenom der NebenschilddrĂŒse (hĂ€ufig, 85 %) → PTH autonom erhöht. SekundĂ€r: chronischer CaÂČâș-Mangel (Vitamin-D-Mangel, chron. Niereninsuffizienz) → reaktiv erhöhtes PTH. TertiĂ€r: aus sekundĂ€rem HPT verselbststĂ€ndigt (Adenom-Transformation).

Klassische Symptom-Trias: „Stein, Bein, Magenpein"

Stein: Nephrolithiasis (Kalziumsteine), Nephrokalzinose
Bein: Knochenschmerzen, Osteopenie/Osteoporose, pathologische Frakturen (Osteitis fibrosa cystica bei schwerem HPT)
Magenpein: Übelkeit, Erbrechen, Obstipation, Anorexie, MagengeschwĂŒre (CaÂČâș stimuliert Gastrinsekr.)
Polyurie/Polydipsie, MuskelschwÀche, Bradykardie, psychische VerÀnderungen
HyperkalzĂ€mische Krise: CaÂČâș > 3,5 mmol/l → Erbrechen, Exsikkose, Bewusstlosigkeit, Herzrhythmusstörungen. Notfall → Klinik! Labor: CaÂČâș ↑, PTH ↑, Phosphat ↓.
Hypoparathyreoidismus — CaÂČâș ↓

HĂ€ufigste Ursache: versehentliche Entfernung aller NebenschilddrĂŒsen bei SchilddrĂŒsen-OP. Folge: CaÂČâș ↓ → neuromuskulĂ€re Übererregbarkeit → Tetanie.

ZeichenBeschreibung
PfötchenstellungAdduktion Daumen, Beugung MCP-Gelenke, Streckung IP-Gelenke (Hauptzeichen)
Chvostek-ZeichenBeklopfen N. facialis vor dem Ohr → Zucken der Mundwinkelmuskulatur
Trousseau-ZeichenRR-Manschette 3 min aufblasen ĂŒber systolischem RR → Pfötchenstellung provoziert
ParÀsthesien, LaryngospasmusKribbeln perioral und an HÀnden; Kehlkopfkrampf (Notfall!)
Laryngospasmus bei HypokalzĂ€mie → Erstickungsgefahr. Notfall! Bei manifester Tetanie: Kalzium i. v. (unter MonitorĂŒberwachung) → Klinik. HP-Grenze.
Kapitel 5

Nebennieren

Rinde und Mark — Kortisol, Aldosteron, Androgene, Katecholamine

Anatomie

Zwei paarige DrĂŒsen (~5 g), retroperitoneal den oberen Nierenpolen aufliegend. Bestehen aus zwei funktionell verschiedenen Anteilen: der Nebennierenrinde (NNR) (80 %) und dem Nebennierenmark (NNM) (20 %).

Nebennierenrinde — 3 Schichten, 3 Hormongruppen

Alle NNR-Hormone sind Steroidhormone (aus Cholesterin). Drei Schichten von außen nach innen:

Schicht (außen → innen)HormongruppeHaupthormonFunktionSteuerung
Zona glomerulosaMineralokortikoideAldosteronNaâș-Retention, Kâș-Ausscheidung → Blutdruck ↑, VolumenstatusRAAS, Kalium (nicht ACTH!)
Zona fasciculataGlukokortikoideKortisolBlutzucker ↑, antiinflammatorisch, StressreaktionACTH (Hypothalamus-Hypophyse-Achse)
Zona reticularisAndrogeneDHEA, AndrostendionSekundĂ€rbehaarung, anabole Effekte; bei ♀ >50 % der Androgene!ACTH
Schichten von außen → innen: G-F-R (Glomerulosa, Fasciculata, Reticularis) → merke: „Geh Frisch Rein". Hormone von außen nach innen: Mineral → Gluko → Androgen.
Kortisol — das Stresshormon der Rinde

Kortisol hat eine ausgeprĂ€gte Tagesrhythmik: Maximum morgens (~8 Uhr), Minimum abends (~Mitternacht). Steuerung: Hypothalamus (CRH) → HVL (ACTH) → NNR (Kortisol) mit negativem Feedback. Bei Stress (körperlich oder psychisch) → CRH ↑ → ACTH ↑ → Kortisol ↑.

OrganssystemWirkung von KortisolKlinische Konsequenz bei Überschuss
KohlenhydrateGlukoneogenese ↑, Glykogenabbau ↑ → BZ ↑Steroid-Diabetes (besonders bei vorbestehendem Typ 2!)
EiweißProteinabbau (katabol) in Muskel, Haut, KnochenMuskelschwund, dĂŒnne Haut, Osteoporose, schlechte Wundheilung
FettLipolyse peripher ↑, Fettumverteilung (Stamm/Gesicht)Vollmondgesicht, Stiernacken, Stammfettsucht + dĂŒnne ExtremitĂ€ten
ImmunsystemAntiinflammatorisch, immunsuppressiv, antiphlogistischErhöhte InfektanfĂ€lligkeit, maskierte EntzĂŒndung
Herz/KreislaufVerstĂ€rkt Katecholamin-Wirkung → RR ↑Arterielle Hypertonie
PsycheStimmungseffekte (Wohlbefinden in Maßen)Schlafstörungen, Depressionen, Psychosen bei Überschuss
AugenAugeninnendruck ↑ (bei Dauergebrauch)Glaukom-Risiko unter Kortison-Therapie
Aldosteron

Aldosteron wirkt am distalen Tubulus und Sammelrohr der Niere: Naâș wird rĂŒckresorbiert (und Wasser folgt osmotisch), Kâș und Hâș werden ausgeschieden. Ergebnis: Blutvolumen ↑ → RR ↑. Wichtigste SteuerungsgrĂ¶ĂŸen: RAAS (Renin → Angiotensin II → Aldosteron bei Volumenmangel/Hypotonie) und Kaliumspiegel.

ACTH steuert Kortisol und NNR-Androgene. Aldosteron wird hauptsĂ€chlich durch das RAAS (Renin-Angiotensin-Aldosteron-System) gesteuert — deshalb verschwindet Aldosteron nicht bei HVL-Insuffizienz!
Nebennierenmark — Katecholamine

Das NNM ist umgewandeltes sympathisches Nervengewebe (chromaffine Zellen). Es wird direkt durch prĂ€ganglionĂ€re Sympathikusfasern innerviert → blitzschnelle Antwort auf Stress. Produkte: Adrenalin (ca. 80 %) und Noradrenalin (ca. 20 %). Beide wirken auf α- und ÎČ-Adrenozeptoren, aber mit unterschiedlicher Gewichtung.

AdrenalinNoradrenalin
Anteil NNM~80 %~20 %
HauptrezeptorÎČ1, ÎČ2 (auch α)α1 (hauptsĂ€chlich)
Herzfrequenz↑ stark↑ gering (Reflexbradykardie möglich)
Blutdruck↑ (durch HF + KontraktilitĂ€t)↑↑ (starke Vasokonstriktion)
BronchienBronchodilatation (ÎČ2)Kaum Wirkung
Blutzucker↑ (Glykogenolyse, Lipolyse)↑ geringer
Haut/DurchblutungVasodilatation Muskel, Konstriktion Haut/EingeweideGenerelle Vasokonstriktion (auch Muskel)
Adrenalin = Mobilisierungshormon fĂŒr Herz, Bronchien, BZ (fight or flight — alle Ressourcen). Noradrenalin = hauptsĂ€chlich GefĂ€ĂŸkonstriktion → RR ↑. Merke: Adrenalin → Alles (Herz, Lunge, BZ); Noradrenalin → Nur GefĂ€ĂŸe (vereinfacht).
Kapitel 6

Pankreas & Insulin

Exo-/endokrine Funktion, Inselzellen, Blutzuckerregulation

Das Pankreas — zwei Funktionen
Exokrin (~98 % des Gewebes)
Azinuszellen: Verdauungsenzyme (Trypsinogen, Lipase, Amylase)
Abgabe ĂŒber Ductus pancreaticus in Duodenum
Insuffizienz → Maldigestion (FettstĂŒhle, Gewichtsverlust)
FĂŒhrt allein nicht zu Diabetes mellitus!
Endokrin (~1–2 % = Langerhans-Inseln)
B-Zellen (ÎČ, ~65–80 %): Insulin + C-Peptid
A-Zellen (α, ~15–20 %): Glukagon
D-Zellen (ÎŽ): Somatostatin (hemmt Insulin + Glukagon)
PP-Zellen: Pankreatisches Polypeptid (hemmt Pankreas-Sekretion)
C-Peptid wird bei Insulin-Bildung im gleichen VerhĂ€ltnis produziert (1:1) und ist im Blut nachweisbar. Es ist ein Maß fĂŒr die körpereigene Insulinproduktion — Insulin-Injektion erhöht das C-Peptid nicht! Wichtig zur Unterscheidung endogener vs. exogener Insulinzufuhr.
Insulin — das einzige blutzuckersenkende Hormon

Insulin ist ein Peptidhormon, das nach Mahlzeiten bei steigendem Blutzucker ausgeschĂŒttet wird. Es ermöglicht die Glukoseaufnahme in insulinabhĂ€ngige Zellen: Muskelzellen und Fettzellen. Gehirn, Leber, Niere und Erythrozyten nehmen Glukose insulinunabhĂ€ngig auf.

StoffwechselwegInsulin-Wirkung (fördert/hemmt)Bei Insulinmangel daher:
KohlenhydrateGlukoseaufnahme in Muskel/Fett ↑; Glykogenese ↑; Glykolyse ↑; Glukoneogenese ↓; Glykogenolyse ↓HyperglykĂ€mie (keine Aufnahme); Glykogenolyse ↑; Glukoneogenese ↑
FettLipogenese ↑; Lipolyse ↓Lipolyse ↑ → freie FettsĂ€uren → ÎČ-Oxidation → Acetoacetat/ÎČ-Hydroxybutyrat (Ketonkörper) → Ketoazidose!
EiweißAminosĂ€ureaufnahme in Zellen ↑; Proteinsynthese ↑ (anabol)Proteinabbau ↑ → Muskelatrophie, Gewichtsverlust
KaliumKâș-Einstrom in Zellen ↑ → Serum-Kâș ↓Kâș bleibt extrazellulĂ€r (bei Azidose noch verschlimmert)
Insulin ist der einzige Blut­zucker­senker im Körper. Kein Insulinmangel verursacht HypoglykĂ€mie — das wĂ€re ein Überschuss! Insulinmangel → HyperglykĂ€mie + Ketoazidose. Das ist der Typ-1-Notfall.
Insulin-Antagonisten

Alle anderen Hormone, die den BZ erhöhen, sind Insulin-Gegenspieler. Es gibt 5 klassische Antagonisten:

Glukagon (A-Zellen)
Wichtigster Antagonist. Glykogenolyse ↑, Glukoneogenese ↑, Lipolyse ↑. Wird bei HypoglykĂ€mie und Hunger ausgeschĂŒttet.
Adrenalin
Glykogenolyse ↑, Lipolyse ↑ → schnelle BZ-Steigerung bei Stress/HypoglykĂ€mie (Gegenregulation).
Kortisol
Glukoneogenese ↑ (aus AA und Glycerol). Steroiddiabetes bei Langzeittherapie möglich.
STH (Wachstumshormon)
Insulinresistenz ↑, Lipolyse ↑. ErklĂ€rt den „Dawn-PhĂ€nomen": nĂ€chtlicher STH-Anstieg → MorgenhyperglykĂ€mie.
SchilddrĂŒsenhormone
T3/T4: Glukoseabsorption ↑, Glykogenolyse ↑ → BZ-Steigerung; bei Hyperthyreose → erhöhter Insulinbedarf.
Blutzucker-Normwerte
BefundNĂŒchtern-Plasma-Glukose
NormoglykĂ€mie60–100 mg/dl (3,3–5,6 mmol/l)
Pathologische NĂŒchternglukose (IFG)100–125 mg/dl
Diabetes mellitus (2× gemessen!)≄ 126 mg/dl (≄ 7,0 mmol/l)
Nierenschwelle fĂŒr Glukoseca. 180 mg/dl → ab hier Glukosurie
HypoglykĂ€mie-Grenze< 50 mg/dl → Symptome
Kapitel 7

Stoffwechsel

Kohlenhydrat-, Fett- und Eiweißstoffwechsel, Lipoproteine, Purine

Kohlenhydratstoffwechsel — SchlĂŒsselbegriffe
BegriffBedeutungHormonelle Steuerung
GlykolyseGlukoseabbau zu Pyruvat → ATP (anaerob) / Acetyl-CoA → Zitratzyklus (aerob)Immer aktiv; Insulin ↑
GlykogeneseGlukose → Glykogen (Speicher in Leber und Muskel)Insulin ↑
GlykogenolyseGlykogen → Glukose (Speicher wird mobilisiert)Glukagon, Adrenalin, Kortisol
GlukoneogeneseNeue Glukose aus AminosÀuren, Glycerol, Laktat (Leber, Niere)Glukagon, Kortisol, Adrenalin; durch Insulin gehemmt
LipogeneseGlukose-Überschuss → Fettsynthese (Leber, Fettgewebe)Insulin ↑
LipolyseFette (Triglyceride) → freie FettsĂ€uren + GlycerolGlukagon, Adrenalin, Kortisol, STH; durch Insulin gehemmt
Fettstoffwechsel und Lipoproteine

Fette sind wasserunlöslich und werden im Blut als Lipoproteine transportiert (Lipid + Apoprotein-HĂŒlle). Je höher der Proteinanteil, desto höher die Dichte:

LipoproteinZusammensetzungTransportrichtungKlinische Bedeutung
ChylomikronenSehr viel Fett, wenig ProteinNahrungsfett: Darm → Blut (ĂŒber Lymphe)Postprandial erhöht; sehr hohe Werte → Pankreatitisrisiko!
VLDLViel TG, wenig CholesterinLeber → Gewebe (endogene TG)VorlĂ€ufer von LDL; erhöht bei HypertriglyzeridĂ€mie
LDLViel Cholesterin, wenig TGLeber → Zielgewebe (Cholesterin-Lieferant)„Böses Cholesterin" → Arteriosklerose ↑ bei Erhöhung
HDLViel Protein, wenig CholesterinGewebe → Leber (reverser Transport)„Gutes Cholesterin" → Arteriosklerose-Schutz bei Erhöhung
LDL transportiert Cholesterin zu den Zellen, kann in GefĂ€ĂŸwĂ€nde eingelagert werden → Arteriosklerose. HDL transportiert Cholesterin zurĂŒck zur Leber → GefĂ€ĂŸreinigung. LDL = LĂ€stig, HDL = Hilfreich.
Eiweißstoffwechsel

Proteine bestehen aus AminosĂ€uren (AS). Essentielle AS muss der Körper mit der Nahrung aufnehmen (er kann sie nicht selbst synthetisieren). Proteine haben vielfĂ€ltige Rollen: Strukturproteine (Kollagen), Enzyme, Hormone (Insulin, STH), Antikörper, Gerinnungsfaktoren, Transportproteine (HĂ€moglobin, Albumin). Abbau: AS → Harnstoff (Leber, Harnstoffzyklus) → Ausscheidung ĂŒber Niere.

Purinstoffwechsel und HarnsÀure

Purine sind Bestandteile von DNA und RNA (Adenin, Guanin). Beim Zelluntergang und Nahrungsabbau entstehen Purine, die zur HarnsĂ€ure abgebaut werden (Xanthinoxidase → HarnsĂ€ure). HarnsĂ€ure ist schwer löslich. Normalwert: MĂ€nner < 7,0 mg/dl, Frauen < 6,0 mg/dl. Bei Überproduktion oder verminderter renaler Ausscheidung → HyperurikĂ€mie → Gicht.

Kapitel 8

Vitamine

Wasserlösliche und fettlösliche Vitamine — Funktion, Mangel, Klinik

Grundprinzip

Wasserlösliche Vitamine (B-Gruppe, Vitamin C) können nicht gespeichert werden → mĂŒssen tĂ€glich zugefĂŒhrt werden; Überdosierung meist unkritisch (renale Ausscheidung). Fettlösliche Vitamine (A, D, E, K) können in Fettgewebe und Leber gespeichert werden → Überdosierung möglich, besonders A und D!

Wasserlösliche Vitamine
VitaminFunktionMangelkrankheit / SymptomeWichtiges Detail
B1 (Thiamin)Coenzym im KH-Stoffwechsel (Pyruvat-Dehydrogenase), Herzfunktion, NervenleitungBeriberi (periph. Neuropathie, Herzinsuffizienz); Wernicke-Enzephalopathie (Ataxie, Konfusion, AugenmotilitĂ€t) bei AlkoholikernAlkohol verhindert Resorption → hĂ€ufigste Ursache
B2 (Riboflavin)Coenzym FAD/FMN im Energiestoffwechsel, Regeneration SchleimhĂ€ute/HautMundwinkelrhagaden, ZungenentzĂŒndung (Glossitis), LichtempfindlichkeitHitze- und lichtempfindlich
B3 (Niacin)Coenzym NADâș im EnergiestoffwechselPellagra: Dermatitis (lichtsensibel), Diarrhoe, Demenz — die 3 DKann aus Tryptophan synthetisiert werden
B6 (Pyridoxin)AminosĂ€urestoffwechsel, HĂ€m-Synthese, NeurotransmitterbildungPeriphere Neuropathie, Stomatitis, AnĂ€mieINH (Tuberkulose-Mittel) verbraucht B6 → Substitution!
B12 (Cobalamin)DNA-Synthese, Myelinscheiden, Blutbildung (mit FolsĂ€ure)Perniziöse AnĂ€mie (megaloblastĂ€r), funikulĂ€re Myelose (RĂŒckenmark!)Braucht Intrinsic Factor (aus Belegzellen Magen) zur Resorption. Bei atrophischer Gastritis → Mangel
B9 (FolsÀure)DNA/RNA-Synthese, Zellteilung, Reifung ErythrozytenMegaloblastÀre AnÀmie; Spina bifida/Neuralrohrdefekte beim FetusIn der Schwangerschaft essentiell! 0,4 mg/Tag perikonzeptionell empfohlen
C (AscorbinsĂ€ure)Kollagensynthese, Antioxidans, Eisenresorption ↑ (reduziert FeÂłâș → FeÂČâș)Skorbut: Zahnfleischbluten, Wundheilungsstörung, HĂ€morrhagien, OsteoporoseHitzlabil (Kochen zerstört es), historisch: Segler
Fettlösliche Vitamine
VitaminFunktionMangelÜberdosierung
A (Retinol)Sehpigment Rhodopsin (StÀbchen), EpithelintegritÀt, Immunabwehr, WachstumNachtblindheit, Xerophthalmie (Hornhautaustrocknung), Keratomalazie, InfektanfÀlligkeitMöglich: Teratogen, Leberschaden, Pseudotumor cerebri
D (Calciferol)Kalziumresorption Darm ↑, Knochenaufbau, Immunmodulation → eigentlich Steroidhormon!Rachitis (Kinder: Verbiegung, Rosenkranz-Rippen, O-Beine); Osteomalazie (Erwachsene: weiche Knochen)Schwerste VitaminĂŒberdosierung: HyperkalzĂ€mie, Organverkalkung (Niere, Lunge)
E (Tocopherol)Antioxidans (schĂŒtzt Zellmembranen vor Lipidperoxidation), Thrombozytenaggregation ↓Selten; SĂ€uglinge: hĂ€molytische AnĂ€mie; neurologische StörungenKaum toxisch; bei sehr hoher Dosis: Blutungsrisiko ↑
K (Phyllochinon)Carboxylierung der Gerinnungsfaktoren II, VII, IX, X + Protein C, S; Knochenproteine (Osteocalcin)Blutungsneigung, verlÀngerte PTZ/INR; bei Neugeborenen: Vitamin-K-MangelblutungKaum toxisch. Achtung: Marcumar (Warfarin) ist Vitamin-K-Antagonist!
Neugeborene bekommen standardmĂ€ĂŸig Vitamin K i. m. (U1/U2/U3) — sie haben keine Darmflora und keine Vitamin-K-Reserven. B12 braucht Intrinsic Factor (IF) aus dem Magen → fehlt IF → perniziöse AnĂ€mie (Autoimmun gegen Belegzellen oder IF). FolsĂ€ure perikonzeptionell → schĂŒtzt vor Spina bifida.
Kapitel 9

SchilddrĂŒsenerkrankungen

Hyper-/Hypothyreose, Basedow, Hashimoto, Struma, Karzinom, thyreotoxische Krise

Hyperthyreose vs. Hypothyreose — Vergleich
Hyperthyreose — alles zu schnell
Herzfrequenz: Tachykardie, Arrhythmien (VHF!)
Gewicht: Verlust trotz Heißhunger
Psyche: NervositÀt, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit
Zittern: FeinschlÀgiger Tremor der HÀnde
Haut: Warm, feucht, Schwitzen
Darm: Durchfall, erhöhte Stuhlfrequenz
WĂ€rme: WĂ€rmeempfindlichkeit
Augen: Exophthalmus (Basedow)
Labor: fT3/fT4 ↑, TSH ↓ (supprimiert)
Hypothyreose — alles zu langsam
Herzfrequenz: Bradykardie, Perikarderguss
Gewicht: Zunahme trotz normaler ErnÀhrung
Psyche: MĂŒdigkeit, Antriebslosigkeit, Depression
Haut: KĂŒhl, trocken, teigig-schuppend (Myxödem)
Haare: Trocken, brĂŒchig, diffuser Haarausfall
Darm: Obstipation
KĂ€lte: KĂ€lteempfindlichkeit
Stimme: Heiser, rau, verlangsamt
Labor: fT3/fT4 ↓, TSH ↑ (primĂ€r) / ↓ (sekundĂ€r)
Myxödem = Einlagerung von Glykosaminoglykanen im Bindegewebe → pastöse, nicht eindrĂŒckbare Schwellung (kein Pitting-Ödem!). Betroffen: Gesicht, Augenlider, HandrĂŒcken, Unterschenkel. Typisch fĂŒr Hypothyreose.
Morbus Basedow

Autoimmun-Hyperthyreose: TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK) stimulieren die SchilddrĂŒse dauerhaft → unkontrollierte T3/T4-Produktion. Frauen 5–10× hĂ€ufiger, Gipfel 30.–40. Lj. Rauchen verstĂ€rkt den Verlauf!

Merseburger Trias (klassisch fĂŒr Basedow): Struma + Tachykardie + Exophthalmus
Der Exophthalmus (endokrine Orbitopathie) entsteht durch immunologisch vermittelte EntzĂŒndung im Retroorbitalgewebe — er ist vom Hormonspiegel weitgehend unabhĂ€ngig und kann persistieren!
EselsbrĂŒcke: „Struma — Tachykardie — Exophthalmus" = „STEx" oder: „Basedow macht StAr-r-re Augen, schnelles Herz und dicken Hals".

Diagnostik: TRAK positiv (spezifisch!), TSH supprimiert, fT3/fT4 ↑, Sonografie (vergrĂ¶ĂŸert, hypervaskularisiert), Szintigraphie (diffus hohe Aufnahme). Therapie: Thyreostatika (Methimazol/Carbimazol) → Radiojodtherapie oder operative Strumektomie.

Thyreotoxische Krise

Lebensbedrohliche Entgleisung einer Hyperthyreose. HÀufige Auslöser: jodhaltiges Kontrastmittel, OP, Infekte, Trauma. Symptome: Tachykardie >150/min, Fieber > 40 °C, Erbrechen/Diarrhoe, Exsikkose, Bewusstseinsstörung bis Koma, Herzinsuffizienz.

Thyreotoxische Krise = absoluter Notfall → sofortige Klinikeinweisung! HP hat Behandlungsverbot bei manifester Hyperthyreose. Jodhaltiges Kontrastmittel darf bei bekannter SchilddrĂŒsenautonomie nur mit Prophylaxe verwendet werden!
Hashimoto-Thyreoiditis

HĂ€ufigste Thyreoiditis-Form und hĂ€ufigste Ursache der Hypothyreose in Jodversorgten LĂ€ndern. Autoimmunerkrankung: Antikörper gegen Thyreoperoxidase (TPO-AK, >90 % positiv) und Thyreoglobulin (TG-AK) → lymphozytĂ€re EntzĂŒndung → irreversibler Parenchymverlust → Hypothyreose. Frauen 7–10× hĂ€ufiger. Assoziation mit anderen Autoimmunerkrankungen (Diabetes Typ 1, M. Addison, Zöliakie).

Hashitoxikose (initial): VorĂŒbergehende Hyperthyreose durch Freisetzung von Hormonen aus zerstörten Follikeln — kurzfristig, wird oft ĂŒbersehen
Chronisch-progredient: Zunehmende Zerstörung → Hypothyreose; oft langsam und symptomarm; TSH steigt zuerst, dann fallen fT3/fT4
SchilddrĂŒse: initial vergrĂ¶ĂŸert (nodulĂ€r), spĂ€ter atrophisch und fibrös

Therapie: Keine kausale Therapie möglich. Bei Hypothyreose: L-Thyroxin (Levothyroxin / EuthyroxÂź) — Substitution, lebenslang. Ziel-TSH: 0,5–2,0 mIU/l. Jodsubstitution kontraindiziert (triggert Autoimmunreaktion)!

Struma (SchilddrĂŒsenvergrĂ¶ĂŸerung)

Eine Struma ist eine VergrĂ¶ĂŸerung der SchilddrĂŒse (> 18 ml Frau, > 25 ml Mann im Ultraschall). Sie macht allein keine Aussage ĂŒber die Funktion — sie kann euthyreot, hypo- oder hyperthyreot auftreten. HĂ€ufigste Ursache weltweit: Jodmangel.

Einteilung (klinisch)Befund
Grad 0Keine Struma (SD normal groß)
Grad 1Tastbar, aber nicht sichtbar (auch bei zurĂŒckgeneigtem Kopf nicht)
Grad 2Sichtbar bei normaler Kopfhaltung
Grad 3Weithin sichtbar; mögliche Kompression: Stridor (Trachea), Dysphagie (Ösophagus), obere Einflussstauung (V. cava)

Diagnostik: TSH basal + Sonografie. Bei Knotenstruma: Szintigraphie (heiß = Autonomie, kalt = MalignitĂ€tsverdacht). Therapie: Jodid, L-Thyroxin; bei Karzinomverdacht oder Kompression: OP.

SchilddrĂŒsenkarzinom

Selten, aber relevant: ~1 % aller Karzinome. Hauptrisikofaktoren: ionisierende Strahlung (Kindheit!), familiĂ€re Belastung. Im Szintigramm: kalter Knoten (keine Aufnahme von Radiojod) = MalignitĂ€tsverdacht → Feinnadelpunktion. Warme/heiße Knoten sind fast immer gutartig.

TypHĂ€ufigkeitUrsprungszelleBesonderheit
PapillĂ€res SD-CA~70–80 %ThyreozytenHĂ€ufigste Form; gute Prognose; lymphogene Metastasen
FollikulĂ€res SD-CA~10–15 %ThyreozytenHĂ€matogene Metastasen (Lunge, Knochen); mittlere Prognose
MedullĂ€res SD-CA (MTC)~5 %C-Zellen → Kalzitonin ↑Tumormarker: Kalzitonin! Assoziiert mit MEN 2A/2B
Anaplastisches SD-CA~1–2 %Thyreozyten (entdiff.)Extrem aggressiv, schlechteste Prognose; rasches Wachstum
Alarmsymptome SchilddrĂŒsenkarzinom: Heiserkeit (N. recurrens Parese), harter derber Knoten, kalter Knoten im Szintigramm, Dysphagie, LymphknotenvergrĂ¶ĂŸerung am Hals → sofort Facharzt. HP-Grenze!
Labor-Übersicht SchilddrĂŒse
KonstellationTSHfT3/fT4
EuthyreoseNormalNormal
PrimĂ€re Hyperthyreose (Basedow, Autonomie)↓ supprimiert↑ erhöht
PrimĂ€re Hypothyreose (Hashimoto, nach OP)↑ erhöht↓ erniedrigt
Latente Hypothyreose↑ leicht erhöhtNormal
SekundĂ€re Hypothyreose (HVL-Insuffizienz)↓ erniedrigt↓ erniedrigt
Kapitel 10

Nebennierenerkrankungen

Cushing, Conn, Morbus Addison, Addison-Krise, PhÀochromozytom

Cushing-Syndrom (Hyperkortisolismus)

Dauerhaft zu viel Kortisol. Wichtigste Ursachen:

Exogen (hÀufigste Ursache insgesamt!): Langfristige Kortikosteroid-Therapie (Kortison bei Rheuma, Asthma, Transplantation etc.)
Morbus Cushing (endogen, zentral): ACTH-produzierendes Hypophysenadenom → NNR stimuliert. ACTH erhöht!
NNR-Adenom/-Karzinom (endogen, peripher): Direktes Kortisol-Adenom → ACTH supprimiert (Feedback intakt!)
Paraneoplastisch: Ektopes ACTH (z. B. kleinzelliges Bronchialkarzinom) → ACTH stark erhöht
Symptome:
Fettumverteilung (Charakteristisch!)
Vollmondgesicht (rund, gerötet), Stiernacken (Fettpolster dorsal), Stammfettsucht (Bauch, Brust) bei gleichzeitig dĂŒnnen ExtremitĂ€ten (Muskelabbau)
Haut
Pergamentartige, dĂŒnne Haut; rote Striae distensae (> 1 cm breit, typisch Abdomen/Oberschenkel); Akne; HĂ€matome; schlechte Wundheilung; Hirsutismus
Metabolisch
Steroiddiabetes (BZ ↑); Hypertonie; HypokaliĂ€mie; HyperlipidĂ€mie; Osteoporose (Proteinabbau im Knochen); Nierensteine
Muskulatur
Myopathie (proximale SchwĂ€che — Treppensteigen, Aufstehen vom Stuhl schwer)
Psyche / weitere
Depressionen, Schlafstörungen, Psychosen; Amenorrhoe (♀); Libidoverlust; Immunsuppression → erhöhte InfektanfĂ€lligkeit; Wachstumsstillstand (Kinder)
Cushing-Bild: „Voll — Stier — Stamm" = Vollmondgesicht + Stiernacken + Stammfettsucht. Plus: rote Striae, Hypertonie, Diabetes, Osteoporose — alles aus ĂŒberschĂŒssigem Kortisol.

Diagnostik: 24h-Urin-Kortisol ↑, Kortisol-Tagesrhythmik aufgehoben (abends nicht erniedrigt), Dexamethason-Hemmtest pathologisch (kein Abfall). ACTH bestimmt ob zentral (ACTH ↑) oder peripher (ACTH ↓). MRT Hypophyse, CT Nebennieren.

Conn-Syndrom (primÀrer Hyperaldosteronismus)

HĂ€ufigste Ursache sekundĂ€rer Hypertonie endokriner Genese! Überwiegend Adenom der Zona glomerulosa (~60–70 %) oder bilaterale Hyperplasie (~30 %). Aldosteron autonom erhöht → Renin ↓ (supprimiert durch Feedback).

Arterielle Hypertonie (Leitsymptom, oft therapieresistent) HypokaliĂ€mie (Kâș < 3,5 mmol/l) MuskelschwĂ€che, KrĂ€mpfe (durch Kâș-Mangel) Polyurie, Polydipsie (renale Kâș-Verlust-Nephropathie) Metabolische Alkalose (Hâș-Sekretion ↑ durch Aldosteron)

Diagnose: Aldosteron-Renin-Quotient erhöht (Aldosteron ↑, Renin ↓). Therapie: Adenom → OP. Bilaterale Hyperplasie → Spironolacton (Aldosteron-Antagonist).

Morbus Addison (primÀre NNR-Insuffizienz)

Ausfall aller 3 NNR-Hormonsysteme. HÀufigste Ursache (80 %): Autoimmun-Adrenalitis (Antikörper gegen NNR-Zellen). Weitere: Tuberkulose (klassisch!), Metastasen, Blutungen, HIV. Betrifft Kortisol + Aldosteron + Androgene.

HormonmangelSymptomeErklÀrung
Kortisol ↓SchwĂ€che, MĂŒdigkeit, HypoglykĂ€mie, Übelkeit, Gewichtsverlust, HypotonieKeine Glukoneogenese, kein Stresscortisol, keine Katecholamin-VerstĂ€rkung
Aldosteron ↓Hypotonie, HyponatriĂ€mie, HyperkaliĂ€mie, Exsikkose, SalzhungerNaâș und Wasser werden nicht zurĂŒckgehalten; Kâș akkumuliert
Androgene ↓ (♀)Achsel-/Schambehaarung ↓, LibidoverlustNNR liefert >50 % der Androgene bei der Frau
ACTH ↑ (primĂ€rer Addison!)Hyperpigmentation (Haut, SchleimhĂ€ute, Handinnenlinien, Narben)ACTH stimuliert MSH-Rezeptoren → Melanin ↑. NUR bei primĂ€rem Addison — beim sekundĂ€ren ist ACTH erniedrigt → keine Pigmentierung!
Hyperpigmentation = pathognomonisch fĂŒr den primĂ€ren Morbus Addison. Beim sekundĂ€ren Addison (HVL-Insuffizienz) ist ACTH erniedrigt → die Haut ist blass-alabastern, keine Pigmentierung!
Addison-Krise: akuter Kortisol- und Aldosteron-Mangel → Schock (RR ↓↓), schwere HypoglykĂ€mie, Erbrechen, Fieber, Bewusstseinsstörung. Auslöser: Infekt, OP, Trauma (= Stress ohne Kortisol-Reserve). NOTFALL! Hydrokortison 100 mg i. v. + Volumen + Glukose + Notarzt/Klinik. HP-Grenze!
PhÀochromozytom

Katecholamin-produzierender Tumor des Nebennierenmarks (seltener extraadrenal = Paragangliom). In 10 % maligne. In 25 % hereditĂ€r (MEN 2, Von-Hippel-Lindau, NF1). Leitsymptom: anfallsartige hypertensive Krisen — das Unterscheidungsmerkmal zum Conn!

Klassische Trias: Anfallsartige Hypertonie + Kopfschmerz + Schwitzen + BlÀsse (Vasokonstriktion trotz hohem RR!)
Tachykardie, Palpitationen, AngstgefĂŒhl, BlĂ€sse
HyperglykÀmie (Katecholamine hemmen Insulin, stimulieren Glukoneogenese)
Gewichtsverlust (Hypermetabolismus)
Auslöser der Krisen: körperliche Anstrengung, Druck auf Bauch, bestimmte Medikamente (ÎČ-Blocker!), emotionaler Stress

Diagnose: Katecholamine/Metanephrine im 24h-Urin oder Plasma. Lokalisationsdiagnostik: MRT/CT. Therapie: Zuerst α-Blocker (Phenoxybenzamin) → erst dann ÎČ-Blocker (sonst: α-Überwiegen → Hypertonie-Krise!). Dann OP.

ÎČ-Blocker NIEMALS vor α-Blockade beim PhĂ€ochromozytom! Ohne α-Blockade → unkontrollierte Vasokonstriktion → hypertensive Krise. HP-Grenze: PhĂ€ochromozytom-Verdacht → sofort Facharzt!
Übersicht NNR/NNM-Erkrankungen
ErkrankungHormonRichtungSchlĂŒsselsymptome
Cushing-SyndromKortisol↑Vollmondgesicht, Stammfettsucht, Striae, Steroid-Diabetes, Hypertonie, Osteoporose
Conn-SyndromAldosteron↑Therapieresistente Hypertonie + HypokaliĂ€mie; Renin ↓
Morbus AddisonAlle NNR↓Hypotonie, HypoglykĂ€mie, Salzhunger, Adynamie, Hyperpigmentation (primĂ€r!)
PhĂ€ochromozytomKatecholamine (NNM)↑Anfallsartige Hypertoniekrisen, Kopfschmerz, BlĂ€sse, Schwitzen
Kapitel 11

Diabetes mellitus

Typ 1, Typ 2, Diagnostik, Koma-Typen, SpÀtkomplikationen, Therapie

Definition und Klassifikation
Diabetes mellitus = Gruppe von Stoffwechselerkrankungen mit chronischer HyperglykÀmie durch absoluten oder relativen Insulinmangel bzw. Insulinresistenz und deren Komplikationen.
Typ 1 — absoluter Insulinmangel
Ursache: Autoimmune Zerstörung der B-Zellen (Anti-GAD-AK, Inselzell-AK, Insulin-AK)
Manifestation: Akut, oft mit Ketoazidose; meist Jugendliche (aber in jedem Alter!)
Insulinspiegel: Absolut erniedrigt, C-Peptid nicht messbar
Therapie: Immer Insulin (intensiviert), keine oralen AD!
Akut-Komplikation: Ketoazidose
HÀufig mit anderen Autoimmunerkrankungen (Hashimoto, Addison, Zöliakie)
Typ 2 — Insulinresistenz + relativer Mangel
Ursache: Insulinresistenz (Rezeptoren reagieren schlecht) + progrediente B-Zell-Erschöpfung. Genetisch + Lebensstil
Manifestation: Schleichend, Zufallsbefund; Erwachsene (zunehmend auch Jugendliche bei Adipositas!)
Insulinspiegel: Anfangs erhöht (Kompensation), dann sinkend
Therapie: Lifestyle → Metformin → andere orale AD → Insulin
Akut-Komplikation: Hyperosmolares Koma
Assoziation mit metabolischem Syndrom, Adipositas (BMI > 30)
Diagnosekriterien
TestPathologisch (= Diabetes)PrÀ-Diabetes
NĂŒchtern-Plasmaglukose (2× gemessen)≄ 126 mg/dl (≄ 7,0 mmol/l)100–125 mg/dl (IFG)
Gelegenheitsmessung + Symptome≄ 200 mg/dl + Symptome reicht fĂŒr Diagnose—
oGTT 2h-Wert (75 g Glukose)≄ 200 mg/dl140–199 mg/dl (IGT)
HbA1c≄ 6,5 % (≄ 48 mmol/mol)5,7–6,4 % (nach ADA)
HbA1c zeigt den mittleren Blutzucker der letzten 6–8 Wochen (Erythrozyten-Lebensdauer ~120 Tage; Gewichtung auf letzten ~8 Wochen). Normalwert: 4,0–6,2 %. Therapieziel bei DM: meist < 7,0–7,5 % (individuell). CAVE: verfĂ€lscht bei AnĂ€mie, HĂ€moglobinopathien!
Akutkomplikationen — die drei Koma-Typen
Ketoazidotisches Koma (v. a. Typ 1)Hyperosmolares Koma (v. a. Typ 2)HypoglykÀmischer Schock
PathomechanismusAbsoluter Insulinmangel → Lipolyse → Ketonkörper → metabolische AzidoseRelativer Insulinmangel → extreme HyperglykĂ€mie → osmotische Diurese → schwere ExsikkoseInsulinĂŒberschuss (od. Sulfonylharnstoff) → BZ fĂ€llt unter Schwelle fĂŒr ZNS
Blutzucker300–700 mg/dl600–1500 mg/dl!!< 50 mg/dl
BeginnLangsam (Stunden–Tage)Sehr langsam (Tage)Schnell (Minuten!)
HautTrocken, turgorgemindertSehr trocken, SchleimhĂ€ute trockenKaltschweißig, blass, feucht
AtemtypKussmaul-Atmung (tief, beschleunigt) + AcetongeruchNormal oder flachNormal
KetonkörperHoch (Urin + Blut)Fehlen / geringNegativ
BewusstseinGetrĂŒbt bis KomaGetrĂŒbt bis Koma, fokal-neurol. AusfĂ€lleVerwirrt, Krampf, Koma
Hunger/VegetativumÜbelkeit, Erbrechen, BauchschmerzenKaum vegetativHeißhunger! Zittern, Tachykardie, Angst, Schwitzen
Bewusstloser Diabetiker → immer Blutzucker messen (falls möglich). Bewusster Patient mit HypoglykĂ€mie → Traubenzucker oral. Bewusstlos → Glukose 40 % i. v. oder Glukagon s. c./i. m. → Notarzt. Im Zweifel Glukose geben — eine kurze HyperglykĂ€mie schadet weniger als prolongierte HypoglykĂ€mie (irreversibler ZNS-Schaden)!
SpÀtkomplikationen

Entstehen nach Jahren schlecht eingestellter HyperglykÀmie durch Glykierung von Proteinen und mikrovaskulÀre SchÀden:

KomplikationOrganeKlinisch
MikroangiopathieNiere, Auge, NervenKapillarwandverdickung, BasalmembranverÀnderungen
Diabetische NephropathieGlomeruliMikroalbuminurie (FrĂŒhzeichen!) → Proteinurie → chron. Niereninsuffizienz → Dialyse. DM = hĂ€ufigste Ursache der Dialysepflicht!
Diabetische RetinopathieNetzhautMikroaneurysmen → Einblutungen → Neovaskularisation → Ablatio retinae → Erblindung. DM = hĂ€ufigste Erblindungsursache Erwachsener!
Diabetische NeuropathiePeriphere + autonome NervenSymmetrische Polyneuropathie (Strumpf-/Handschuhmuster), Brennen nachts, ASR-Verlust; autonome: Gastroparese, erektile Dysfunktion, Blasenentleerungsstörung
MakroangiopathieHerz, Hirn, BeineKHK → Herzinfarkt; Schlaganfall; pAVK → claudicatio; Diabetischer Fuß
Diabetischer FußFĂŒĂŸeNeuropathie + Angiopathie + InfektanfĂ€lligkeit → kleine Verletzungen unbemerkt → Ulkus → GangrĂ€n → Amputation (DM = hĂ€ufigste Amputationsursache nicht-traumatisch)
Therapie Typ 2 — Stufenkonzept
Stufe 1: Lebensstilmodifikation: Gewichtsreduktion (5–10 % → InsulinsensitivitĂ€t ↑), Bewegung (150 min/Woche moderater Sport), ErnĂ€hrungsberatung (ballaststoffreich, wenig rasch resorbierbare KH)
Stufe 2: Metformin (Mittel 1. Wahl — hemmt Glukoneogenese in Leber, InsulinsensitivitĂ€t ↑, kein HypoglykĂ€mie-Risiko, kardioprotektiv). Kontraindiziert bei Niereninsuffizienz!
Stufe 2–3: Weitere orale AD: SGLT2-Hemmer (Empagliflozin), GLP-1-Agonisten, DPP-4-Hemmer, Sulfonylharnstoffe (HypoglykĂ€mie-Risiko!)
Stufe 3: Insulin — wenn orale AD nicht ausreichen oder bei schwerer Erkrankung. Basal-Insulin zuerst, dann intensiviert
Kohlenhydrateinheit (KE) = 10 g Kohlenhydrate. FrĂŒher „Broteinheit" (BE) = 12 g. In der Praxis wird heute meist KE (10 g) verwendet. HP-PrĂŒfung: 1 KE = 10 g KH.
Kapitel 12

Stoffwechsel­störungen

HyperlipidÀmie, Gicht, Adipositas, metabolisches Syndrom, GynÀkomastie

Fettstoffwechselstörungen (HyperlipoproteinÀmie)

Erhöhte Blutfette sind wichtige kardiovaskulÀre Risikofaktoren. Beachte: primÀre (genetisch) vs. sekundÀre Formen (bei Hypothyreose, Diabetes, Nierenerkrankung, Alkohol, Medikamenten).

ParameterZielwertRisikoschwelle
Gesamt-Cholesterin< 200 mg/dl> 200 mg/dl
LDL-Cholesterin< 130 mg/dl (Niedrigrisiko) / < 100 / < 70 mg/dl (Hochrisiko)Je nach Risikoprofil
HDL-Cholesterin> 40 mg/dl (♂) / > 50 mg/dl (♀)Niedrig = Risikofaktor
Triglyceride< 150 mg/dl> 200 mg/dl; > 500 mg/dl → Pankreatitis-Risiko!

Therapie: ErnĂ€hrungsumstellung, Gewichtsreduktion, Ausdauersport. Medikamentös: Statine (hemmen HMG-CoA-Reduktase → LDL ↓↓), Fibrate (Triglyceride ↓), Ezetimib.

Gicht (HyperurikÀmie)

Ablagerung von Natriumuratkristallen in Gelenken, Weichteilen und Nieren bei chronisch erhöhtem HarnsĂ€urespiegel (> 6,8 mg/dl, da ĂŒber dieser Konzentration fĂ€llt Urat aus).

Akuter Gichtanfall: Plötzlich, oft nachts. Klassisch: Podagra (Großzehengrundgelenk). Extreme Schmerzen, Rötung, WĂ€rme, Schwellung — berĂŒhrungsempfindlich. Auslöser: Alkohol (v. a. Bier), purinhaltiges Essen (Innereien, Fleisch), Fasten, bestimmte Medikamente (Diuretika, Aspirin niedrig dosiert)
Chronische Gicht: Tophi (Uratkristall-Knoten unter der Haut, v. a. Ohrmuschel, Ellenbogen); Gelenkdestruktion; Gichtnephropathie (Nierensteine, Niereninsuffizienz)

Therapie Akutanfall: Kolchizin (hemmt Neutrophilen-Migration), NSAIDs (Ibuprofen, Indometacin), ggf. Kortison. Dauertherapie: Allopurinol (Xanthinoxidase-Hemmer → HarnsĂ€ure ↓), Febuxostat; DiĂ€t, Alkoholverzicht, ausreichend Trinken.

Adipositas

BMI = Körpergewicht (kg) / KörpergrĂ¶ĂŸeÂČ (mÂČ). Einteilung:

BMI (kg/mÂČ)KlassifikationKardiovaskulĂ€res Risiko
< 18,5UntergewichtErhöht (andere Risiken)
18,5–24,9NormalgewichtNormalrisiko
25–29,9ÜbergewichtLeicht erhöht
30–34,9Adipositas Grad IMĂ€ĂŸig erhöht
35–39,9Adipositas Grad IIStark erhöht
≄ 40Adipositas Grad III (morbide)Sehr stark erhöht

Besonders gefĂ€hrlich ist das androide (stammfette, "Apfel") Fettverteilungsmuster: Taillenumfang ♀ > 88 cm, ♂ > 102 cm → viszeral = metabolisch aktiv = höchstes Risiko fĂŒr KHK, Diabetes, Hypertonie.

Metabolisches Syndrom

Diagnose wenn ≄ 3 von 5 Kriterien erfĂŒllt:

Abdominelle Adipositas (Taillenumfang ♂ >102 / ♀ >88 cm) Triglyceride ≄ 150 mg/dl HDL-Cholesterin ↓ (♂ <40 / ♀ <50 mg/dl) Blutdruck ≄ 130/85 mmHg NĂŒchternglukose ≄ 110 mg/dl (oder DM bekannt)
Hypothyreose gehört NICHT zum metabolischen Syndrom! Sie kann Ă€hnliche Befunde machen (DyslipidĂ€mie, Gewichtszunahme), ist aber eine eigenstĂ€ndige Erkrankung. Klassische PrĂŒfungsfrage: „Was gehört NICHT dazu?" → Hypothyreose.
GynÀkomastie

VergrĂ¶ĂŸerung der mĂ€nnlichen BrustdrĂŒse durch Verschiebung des Östrogen/Androgen-VerhĂ€ltnisses zugunsten der Östrogene. Muss von PseudogynĂ€komastie (reines Fettgewebe) unterschieden werden.

UrsacheMechanismus
Physiologisch (Neugeborene, PubertÀt)Transitorisch, kein Handlungsbedarf
LeberzirrhoseVerminderte Östrogeninaktivierung in der Leber
Hodentumor (Sertoli-Zell-, Leydig-Zell-CA)Ektope Östrogenproduktion
Klinefelter-Syndrom (47, XXY)Hodeninsuffizienz → Testosteron ↓, FSH/LH ↑, Östrogen ↑
AdipositasAromatase im Fettgewebe wandelt Androgene → Östrogen um
Medikamente (Spironolacton, Cimetidin, Digitalis, Antiandrogene, Östrogene)Antiandrogen oder östrogen-artige Wirkung
Harter, einseitiger, derber Knoten bei Mann ohne klare Ursache → Mammakarzinom-Ausschluss (selten, aber möglich!). HP-Grenze: bildgebende Diagnostik, Facharzt.
Kapitel 13

Diagnostik & Leitsymptome

Untersuchungsgang, Labordiagnostik, Bildgebung, Provokationstests, hormonelle NotfÀlle

Diagnostischer Dreischritt
① Anamnese & Untersuchung
Gewichtsverlauf, Schwitzen, KĂ€lte-/WĂ€rmeempfindlichkeit, Menstruation, Potenz, Haare, Haut, Stimme, DurstgefĂŒhl, Urinmenge, Stimmung. Inspektion, Palpation (SD von dorsal, schlucken!), Auskultation.
② Labor — Hormondiagnostik
Basiswerte: TSH, fT3/fT4, ACTH, Kortisol (morgens!), PTH, CaÂČâș, Phosphat, Glukose, HbA1c, HarnsĂ€ure. Antikörper: TRAK, TPO-AK, Inselzell-AK. Katecholamine/Metanephrine im 24h-Urin.
⑱ Bildgebung & Funktionstest
Sonografie (SD, Nebennieren), MRT (Hypophyse), Szintigraphie (SD-Funktion: heiß/kalt), Feinnadelbiopsie (kalter Knoten), CT Abdomen, Adrenalvenensampling.
Wichtige Provokationstests
TestDurchfĂŒhrungInterpretation
Dexamethason-Kurztest1 mg Dexamethason um 23 Uhr → Kortisol um 8 Uhr messenNormal: Kortisol < 1,8 ”g/dl (gehemmt). Cushing: kein Abfall (autonome Sekretion)
ACTH-Stimulationstest (Synacthen)250 ”g ACTH i. v. → Kortisol 30/60 min danachNormal: Kortisol-Anstieg ≄ 500 nmol/l. Addison: kein Anstieg (NNR zerstört)
oGTT (Glukosetoleranztest)75 g Glukose nĂŒchtern trinken → BZ nach 0/60/120 minDM: 2h-Wert ≄ 200 mg/dl. IGT: 140–199. Normal: < 140
TRH-TestTRH i. v. → TSH-Anstieg nach 30 min messenNormal: TSH steigt. Hyperthyreose: kein TSH-Anstieg (supprimiert). Heute wenig verwendet
SD-SzintigraphieRadioaktives Jod oder Tc-99m, KameraaufnahmeHeißer Knoten = Autonomie (Hormonproduktion ohne TSH). Kalter Knoten = kein Radiojod-Uptake → MalignitĂ€tsverdacht → Biopsie!
Leitsymptom-Differentialdiagnose
LeitsymptomDifferenzialdiagnosen (endokrin)
StrumaJodmangel (euthyreot), M. Basedow (Hyper), Hashimoto (frĂŒh Hyper, spĂ€ter Hypo), Karzinom (kalter Knoten!), Autonomie
ExophthalmusM. Basedow (hÀufigste endokrine Ursache!), Orbitatumor
Polydipsie + PolyurieDM (BZ ↑), Diabetes insipidus (BZ normal!), HyperkalzĂ€mie, Hyperaldosteronismus
Hypertonie (endokrin)Cushing (Kortisol↑), Conn (Aldosteron↑, Renin↓), PhĂ€ochromozytom (Katecholamine↑, anfallsartig!), Akromegalie (STH↑)
Tetanie / MuskelkrÀmpfeHypokalzÀmie (Hypoparathyreoidismus), Hyperventilationstetanie (hÀufigste!), Magnesiummangel, Alkalose
Gewichtsverlust + TachykardieHyperthyreose, PhÀochromozytom, DM Typ 1, Malignome
Gewichtszunahme + MĂŒdigkeitHypothyreose, Cushing, Depression, metabolisches Syndrom
HyperpigmentationPrimĂ€rer M. Addison (ACTH↑ → MSH-Wirkung), HĂ€mochromatose
Osteoporose (endokrin)Hyperkortisolismus, Hypogonadismus, Hyperthyreose, Hypoparathyreoidismus (selten), Akromegalie
Hormonelle NotfĂ€lle — Übersicht
NotfallLeitsymptomeHP-Erstmaßnahme
Thyreotoxische KriseHF >150/min, Fieber ≄ 40°C, Exsikkose, Erbrechen, BewusstseinsstörungSofort Notarzt/Klinik! VitalzeichenĂŒberwachung, Infusion, kein Jod!
MyxödemkomaHypothermie, Bradykardie, Hypoventilation, Bewusstlosigkeit; weiches, teigiges GesichtSofort Klinik! WÀrmeerhalt (keine aktive ErwÀrmung), Notarzt
Addison-KriseSchock (RR ↓↓, HF ↑), HypoglykĂ€mie, Erbrechen, hohes FieberNotarzt! Hydrokortison 100 mg i. v. (Notarzt), Glukose, Volumen
HypoglykĂ€mischer SchockKaltschweißig, Heißhunger, Zittern, Tachykardie, BewusstlosigkeitWach: Traubenzucker oral. Bewusstlos: Glukagon i. m. oder Glukose 40 % i. v. (Notarzt)
KetoazidoseKussmaul-Atmung, Acetongeruch, langsam, ExsikkoseSofort Klinik! Volumen, Insulin (i. v. nur stationÀr)
HyperkalzĂ€mische KriseErbrechen, Exsikkose, BewusstseinstrĂŒbung, Herzrhythmusstörungen (CaÂČâș > 3,5 mmol/l)Sofort Klinik! Volumen, Furosemid (nach Rehydratation)
HypokalzĂ€mische TetanieKarpopedalspasmen, Laryngospasmus, Stridor, PfötchenstellungKalzium i. v. unter EKG-Monitoring → Klinik!