Was bedeutet „Notfall“?
Ein Notfall ist zuallererst eine Ausnahmesituation – nicht nur für die betroffene Person, sondern auch für dich als Helfer. Bevor du irgendetwas tust, musst du erkennen: Liegt hier überhaupt ein Notfall vor?
Definition
Ein Notfall liegt vor, wenn bei einem Menschen eine oder mehrere lebenswichtige Funktionen (Vitalfunktionen) ausgefallen sind oder auszufallen drohen. Auslöser können Verletzungen mit Blutverlust, eine plötzliche Erkrankung (z. B. Schlaganfall, Herzinfarkt), eine Vergiftung oder die Verschlechterung einer bestehenden Krankheit sein.
Die drei Vitalfunktionen und ihre Störungen
Notfallsymptome sind von außen sichtbar und auch für Laien erkennbar. Sie lassen sich drei Organsystemen zuordnen:
| System | Mögliche Störungszeichen | Typische Ursachen |
|---|---|---|
| Zentrales Nervensystem | Bewusstlosigkeit, plötzliche Verwirrtheit, plötzliche Lähmung, Krampfanfall | Schlaganfall, geplatztes Aneurysma, Hirnverletzung, Meningitis/Enzephalitis, Vergiftung, Stoffwechselentgleisung |
| Herz-Kreislauf-System | Brustenge/-schmerz, Pulsveränderungen, abnorme Hautfarbe (weiß, grau, zyanotisch) | Herzinfarkt, Herzrhythmusstörung, großer Blutverlust durch Fraktur oder innere Blutung |
| Atmungssystem | Schwache/aussetzende Atmung, abnorme Atemgeräusche, starke Atemanstrengung | Verlegte Atemwege (Fremdkörper, zurückgefallene Zunge), Insektenstich, Verletzung |
Vitalfunktionen prüfen
Bewusstsein, Atmung und Kreislauf werden in dieser Reihenfolge geprüft. Das Ergebnis entscheidet, ob eine Reanimation nötig ist.
1. Prüfung des Bewusstseins
Ein Mensch gilt als bewusstlos, wenn er nicht ansprechbar ist und auf keinen Reiz gezielt reagiert. Vorgehen:
- Laut ansprechen, ggf. mit Namen.
- Berühren – Wange streicheln, leicht schütteln.
- Leichten Schmerzreiz setzen (übliches Kneifen in den Arm).
Reagiert die Person auf keinen dieser Reize gezielt, gilt sie als bewusstlos – dann werden sofort Atmung und Kreislauf geprüft, weil eine Reanimation nötig sein kann.
2. Prüfung der Atmung
- Mundraum auf Fremdkörper/Erbrochenes inspizieren, ggf. entfernen.
- Patient in Rückenlage bringen, Kopf überstrecken (Esmarch-Handgriff) – dies hebt die Zunge an und macht die Atemwege frei. Bei Verdacht auf Wirbelsäulenverletzung wird der Kopf nicht überstreckt, sondern der Hals nur vorsichtig gestreckt.
- Über dem Patienten den Atem an der eigenen Wange fühlen.
- Den Atem hören.
- Das Heben und Senken des Brustkorbs sehen.
3. Prüfung des Kreislaufs
Für Laienhelfer entfällt die gezielte Pulskontrolle: Bei Atemstillstand ist meist auch keine Kreislauffunktion mehr vorhanden, und das sichere Tasten kostet ungeübt zu viel Zeit. Medizinisches Fachpersonal tastet zusätzlich den Karotispuls – immer nur einseitig, um die Hirndurchblutung nicht zu gefährden oder gefährliche Kreislaufreflexe auszulösen.
Als sichere Zeichen eines Kreislaufstillstands gelten:
- Pulslosigkeit der großen Arterien (A. carotis communis oder A. femoralis)
- Schnappatmung – tritt nach einem Herzstillstand nach ca. 20–30 Sekunden auf
- Atemstillstand – tritt nach einem Kreislaufstillstand nach ca. 30–60 Sekunden auf
Atmung & Puls vorhanden
Notarzt verständigen, Vitalzeichen mind. alle 5 Minuten kontrollieren, Patienten beruhigen. Keine Reanimation.Bewusstlos, Atmung vorhanden
Stabile Seitenlage bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes.Die Notfallkette
Jede Notfallhilfe läuft nach demselben Schema ab – wie eine Kette aus fünf ineinandergreifenden Gliedern.
- Sofortmaßnahmen: Unfallstelle absichern, Rettung aus der Gefahrenzone (z. B. mit dem Rautek-Griff), Prüfung und Sicherung der Vitalfunktionen.
- Notruf: Über Handy, Telefonzelle, Notrufsäule, Taxi oder Linienbus absetzbar. Notrufnummern: Polizei 110, Rettungsdienst 112.
- Erste Hilfe: Reanimation, weitere Vitalzeichenkontrolle, Schockbekämpfung, Verletzungssuche, Blutstillung, Verbände/Ruhigstellung.
- Rettungsdienst: Übernimmt vor Ort die Versorgung und organisiert den Transport.
- Versorgung im Krankenhaus.
Gefahrenquellen erkennen
Bevor du handelst, prüfst du kurz die Situation auf Eigen- und Fremdgefährdung: vermeintlich gelöschte Brandherde, ungesicherte Stromkabel, Gase/Chemikalien, einsturzgefährdete Bereiche, oder ein noch anwesender Täter bei Gewalttaten.
Erstversorgung blutender Wunden
- Wunden steril abdecken – keine Fremdkörper aus der Wunde entfernen.
- Bei stark blutenden Extremitätenwunden einen Druckverband anlegen: sterile Wundauflage fixieren, darauf ein noch verpacktes Verbandpäckchen legen und mit der Binde fest, aber ohne die Extremität abzuschnüren, umwickeln.
- Blutende Extremität hochlagern.
- Nur bei lebensbedrohlicher arterieller Blutung (z. B. Amputation) wird richtig abgebunden – Uhrzeit des Abbindens unbedingt notieren.
Reanimation – die C-A-B-Regel
Seit den aktuellen Leitlinien gilt für die Wiederbelebung Erwachsener nicht mehr A-B-C, sondern C-A-B: Die Herzdruckmassage steht an erster Stelle – notfalls sogar als alleinige Maßnahme.
C-A-B bedeutet nicht, dass man auf verlegten Atemwegen komprimiert und die Luftzufuhr ignoriert. Die Atemwege wurden bereits während der Atemkontrolle (Kapitel 02, Esmarch-Handgriff) kurz freigemacht – das ist Voraussetzung dafür, überhaupt festzustellen, dass keine Atmung vorliegt. C-A-B legt nur fest: Statt jetzt noch Zeit mit Beatmungsbeutel, exakter Kopflagerung und den ersten zwei Atemspenden zu verlieren, wird sofort mit Kompressionen begonnen – im Blut steckt meist noch für 1–2 Minuten Restsauerstoff, der so zirkuliert wird.
Diese Reihenfolge setzt einen primär kardialen Kreislaufstillstand voraus (z. B. Kammerflimmern), bei dem die Atemwege frei, aber das Herz steht. Bei einem primär hypoxischen/respiratorischen Stillstand – Ertrinken, Ersticken an einem Fremdkörper, Opiat-Überdosis – ist der Sauerstoffvorrat oft schon vor dem Herzstillstand aufgebraucht. Deshalb bekommt hier die Beatmung mehr Gewicht, und bei Kindern (meist hypoxischer Genese) sowie bei Ertrinkungsopfern werden frühzeitig Atemspenden empfohlen, nicht nur reine Kompressionen.
C – Herzdruckmassage
Der Druckpunkt liegt in der Mitte des Brustbeins. Ein Handballen wird dort aufgesetzt, der andere darüber, die Finger werden verschränkt, beide Ellenbogen bleiben durchgestreckt. Der Patient muss auf harter Unterlage liegen.
- Drucktiefe: ca. 5–6 cm
- Frequenz: 100–120 Kompressionen/Minute (Merkhilfe: Takt von „Stayin’ Alive“, ca. 103–107 bpm – liegt genau in diesem Zielbereich)
- Der Brustkorb muss sich nach jeder Kompression vollständig entlasten, damit sich die Herzkammern wieder füllen können.
- Verhältnis bei der Ein-Helfer-Methode: 30 Kompressionen : 2 Atemspenden, über 5 Zyklen, dann erneut kontrollieren.
A – Atemwege frei machen
Sichtbare Fremdkörper und Erbrochenes werden aus dem Mundraum entfernt. Der Heimlich-Handgriff zum Herausbringen von Fremdkörpern gilt heute als umstritten und wird nicht mehr empfohlen (Gefahr von Milz-/Leberriss), sollte als Begriff aber bekannt sein.
B – Beatmung
Unterschieden werden Mund-zu-Nase- und Mund-zu-Mund-Beatmung. Aus Infektionsschutzgründen wird eine Beatmung mit Maske und Beatmungsbeutel bevorzugt; bei direkter Mund-zu-Mund-Beatmung kann sicherheitshalber ein Beatmungstuch verwendet werden. Nach 30 Kompressionen erfolgen, wenn möglich, innerhalb einer Sekunde 2 Atemspenden.
Besonderheiten bei Kindern
| Altersgruppe | Kompressionstechnik | Verhältnis Kompression : Beatmung |
|---|---|---|
| Kleinkinder/Säuglinge | Zwei Finger oder beide Daumen bei umfasstem Brustkorb, Tiefe ca. 3 cm | 30:2 (Laien), 15:2 (professionelle Helfer) |
| Neugeborene | – | 3:1 |
Wann wird die Reanimation beendet?
- 30 Minuten erfolglose Reanimation bei weiterhin bestehendem Herz-Kreislauf-Stillstand (Ausnahme: Unterkühlung und Intoxikation – hier länger weiterführen!)
- Länger als 15 Minuten dauernder Herztod im EKG
- Zwischenzeitliches Auftreten sicherer Todeszeichen
Sonderfall: präkordialer Faustschlag
Erlebst du als Ersthelfer einen einsetzenden Herzstillstand direkt mit, kann ein einziger fester Schlag aus ca. 30 cm Höhe auf die Mitte des Brustbeins versucht werden, das Herz wieder in Gang zu bringen.
Defibrillation
Bei Kammerflimmern muss sofort defibrilliert werden. Öffentlich zugängliche AED-Geräte (Automated External Defibrillator) dürfen von jedem Ersthelfer bedient werden – eine Elektrode wird parasternal rechts unterhalb des Schlüsselbeins angebracht, die zweite am äußeren Rand der Herzspitze. Das Gerät entscheidet selbst, ob und wie es einen Stromstoß abgibt.
Lagerungen im Notfall
Die richtige Lagerung entscheidet oft darüber, ob sich der Zustand eines Patienten stabilisiert oder verschlechtert. Grundsätzlich gilt: Nur ansprechbare, orientierte Patienten werden situationsgemäß gelagert – Bewusstlose mit erhaltener Eigenatmung kommen immer in die stabile Seitenlage.
| Situation | Lagerung | Begründung |
|---|---|---|
| Atemnot / kardiogener Schock | Erhöhter Oberkörper | Erleichtert die Atmung, entlastet das Herz |
| Brustkorbverletzung | Seitenlage auf die verletzte Seite | Unverletzte Lunge oben – ausreichender Gasaustausch |
| Bauchverletzung | Rückenlage, Knierolle | Entspannt die Bauchmuskulatur |
| Wirbelsäulenverletzung | Gerade Rückenlage, Halsstütze, möglichst nicht bewegen | Vermeidung sekundärer Rückenmarksschäden |
| Hypovolämischer Schock | Beine ca. 30° hochlagern | Erleichtert venösen Rückfluss zum Herzen |
| Bewusstlosigkeit mit Eigenatmung | Stabile Seitenlage | Schutz vor Aspiration/Ersticken |
Die stabile Seitenlage – Schritt für Schritt
Da bei Bewusstseinsstörung der Würgereflex reduziert ist, die Muskulatur erschlafft und die Zunge zurückfallen kann, schützt die stabile Seitenlage vor dem Ersticken an Erbrochenem oder der eigenen Zunge.
- Seitlich neben den Betroffenen knien, dessen Beine strecken.
- Nahen Arm angewinkelt nach oben legen (Handinnenfläche nach oben), fernen Arm am Handgelenk greifen.
- Fernen Arm vor der Brust kreuzen, Handrücken an die Wange des Betroffenen legen und dort festhalten.
- Am fernen Oberschenkel greifen, das Bein beugen und den Betroffenen zu sich herüberziehen.
- Oben liegendes Bein im rechten Winkel zur Hüfte ausrichten, Kopf nach hinten neigen (freie Atemwege), Mund leicht öffnen.
- Bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes Atmung und Bewusstsein wiederholt kontrollieren.
Sonderfall: Vena-cava-Kompressionssyndrom in der Schwangerschaft
Liegt eine hochschwangere Frau auf dem Rücken, kann die schwere Gebärmutter die untere Hohlvene (V. cava inferior) komprimieren. Der venöse Rückstrom zum Herzen sinkt, die Mutter wird kreislaufinstabil, häufig kommt es begleitend zu einer Tachykardie des Fetus.
Schock – Grundlagen
Ein Schock ist ein lebensbedrohliches Kreislaufversagen: Die Durchblutung der Kapillaren bricht zusammen, alle lebenswichtigen Organe geraten in akuten Sauerstoffmangel.
Hauptsymptome
- Tachykardie, zunächst schneller, dann zunehmend schwächerer Puls
- Hypotonie
- Fahle, blasse Gesichtsfarbe (Ausnahme: septischer Schock)
- Kalte, feuchte Haut (Ausnahme: septischer Schock)
- Großes Durstgefühl
- Oligurie – vermindertes zirkulierendes Volumen und Blutdruck reichen nicht mehr für ausreichende Urinausscheidung
- Apathie bis Bewusstlosigkeit
Der Schockindex
Der Schockindex ist der Quotient aus Pulsfrequenz und systolischem Blutdruck. Ein Wert > 1 spricht für einen Schock.
Versorgung von Schockpatienten – die Grundregeln
- Patienten beruhigen und warm zudecken
- Bewusstlose mit Eigenatmung in stabile Seitenlage (bei Schock: Kopftieflage)
- Mindestens einen großlumigen venösen Zugang legen, solange die Venen noch nicht kollabiert sind
- Sauerstoffgabe, wenn verfügbar
- Großzügige Volumensubstitution: ca. 1000–1500 ml 0,9%ige NaCl-Lösung über mehrere Zugänge mit höchstmöglicher Tropfgeschwindigkeit
Schockformen im Detail
Sechs Schockformen solltest du sicher unterscheiden können – jeweils mit typischen Leitsymptomen, Ursachen und der passenden Erstmaßnahme.
| Schockform | Leitsymptome | Ursachen |
|---|---|---|
| Hypovolämisch | Starker Durst, kollabierte Halsvenen | Blut-, Plasma-, Wasserverlust |
| Kardiogen | Luftnot, Lungengeräusche („Brodeln“), Halsvenenstauung | Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, Lungenembolie, Kammerflimmern |
| Septisch | Fieber, Schüttelfrost, Gerinnungsstörung, warme, trockene Haut | Schwere bakterielle Infektion, Abwehrschwäche |
| Anaphylaktisch | Atemnot, Urtikaria, Quincke-Ödem, Übelkeit/Erbrechen, Unterleibskrämpfe, Kaltschweißigkeit | Insektengift, Medikamenten-/Nahrungsmittelallergie |
| Hypoglykämisch | Unruhe, Heißhunger, Zittern, feuchte Haut, Bewusstseinsstörung/Koma, Krampfanfälle | Akuter Zuckermangel im Gehirn |
| Neurogen | Bewusstseinstrübung, Lähmungen, Sensibilitätsstörungen | Schlaganfall, Rückenmarksverletzung, Krampfanfall |
Lagerung und Volumengabe je Schockform
| Schockform | Lagerung | Volumengabe |
|---|---|---|
| Hypovolämisch | Schocklage (Kopftief) – nicht bei Kopf-/oberen GI-Blutungen | Ja |
| Kardiogen | Oberkörper hoch | Nein |
| Septisch | Schocklage | Ja |
| Anaphylaktisch | Schocklage, Allergen wenn möglich entfernen | Ja |
| Hypoglykämisch | Schocklage; bei Bewusstsein zuckerhaltiges Getränk, bei Bewusstlosigkeit verdünnte Glukoselösung i.v. | Ja |
| Neurogen | Schocklage und stabile Seitenlage bei Bewusstlosigkeit | Ja |
Bewusstsein & akute Neurologie
Bewusstseinsstörungen sind Störungen der Gehirnfunktion und werden als Erstmaßnahme wie ein Schock behandelt.
Die vier Stufen der Bewusstseinsstörung
| Stufe | Beschreibung |
|---|---|
| Benommenheit | Klares Denken/Handeln, nur verlangsamt; Person, Ort, Zeit werden korrekt genannt |
| Somnolenz | Abnorme Schläfrigkeit, fällt immer wieder in Schlaf, Antworten stark verlangsamt |
| Sopor | „Tiefer Schlaf“, nur durch starke Schmerzreize weckbar, nicht mehr voll erweckbar |
| Koma | Durch keinerlei Reize weckbar – schwerste Form. Nur bei 50 % liegt die Ursache im ZNS selbst; sonst Stoffwechsel (Diabetes, Nieren-/Schilddrüsenversagen), Vergiftung, Sepsis, Schock |
Schlaganfall (Apoplex)
Symptome: Halbseitenlähmung, Sensibilitätsstörungen, Sprachstörungen, Hirnnervenausfälle.
Maßnahmen: Stabile Seitenlage bei Bewusstlosigkeit, Notarzt, wenn möglich venöser Zugang.
Hirnorganischer Krampfanfall (Epilepsie)
Symptome: Plötzliches Hinfallen, Zuckungen/Verkrampfungen, Bewusstlosigkeit, manchmal vorübergehende Zyanose.
- Gegenstände in der Umgebung schnell entfernen
- Kopf weich lagern
- Arme/Beine nicht festhalten
- Keinen Beißkeil zwischen die Zähne schieben (eigene Verletzungsgefahr, Verlegung der Atemwege)
- Nach dem Anfall: stabile Seitenlage
Weitere neurologische Notfälle
| Bild | Symptome | Maßnahmen |
|---|---|---|
| Bandscheibenvorfall | Akute, ausstrahlende Schmerzen im Lendenbereich, ggf. Lähmung/Sensibilitätsstörung | Stufenbettlagerung (90°/90°); bei Blasen-/Mastdarmstörung sofort Klinik |
| Querschnittslähmung | Keine Bewegung/Sensibilität unterhalb der Verletzung, evtl. Atemlähmung | Nicht bewegen! Liegen lassen wie vorgefunden, vorsichtig Atemwege sichern, Notarzt |
| Intrakranielle Blutung | Vernichtungskopfschmerz (v. a. Subarachnoidalblutung), Pupillenstörung, Erbrechen, Krämpfe | Oberkörper 30° hoch, Reanimationsbereitschaft, Notarzt, i.v. Zugang |
Akute Brustschmerzen & Atemnot
Brustschmerz und Atemnot können harmlos sein – oder Vorboten eines tödlichen Verlaufs. Diese Bilder solltest du sicher unterscheiden können.
Lungenembolie
Symptome: Plötzliche Atemnot mit blutigem Husten und Zyanose, atemabhängiger Brustschmerz, gestaute Halsvenen, schneller unregelmäßiger Puls, evtl. Thrombosezeichen am Bein (nach langem Sitzen, z. B. Flugreise).
Maßnahmen: Oberkörper hoch, Notarzt, Reanimationsbereitschaft, i.v. Zugang, wenn möglich Sauerstoff (6 l/min).
Asthma bronchiale / Status asthmaticus
Symptome: Erschwerte, verlängerte Ausatmung, Erstickungsangst, überblähter Brustkorb mit hochgezogenen Schultern, Giemen, verminderte Ansprechbarkeit.
Maßnahmen: Sofort Notarzt, sitzende Haltung mit Abstützmöglichkeit, beruhigen, Sauerstoff (2–4 l/min), i.v. Zugang.
Fremdkörperaspiration
Symptome: Stridor, Husten, Atemnot, Zyanose, ggf. Atemstillstand.
Maßnahmen: Manuelle Ausräumung versuchen, mehrere Schläge zwischen die Schulterblätter, bei Atemnot Notarzt; der Heimlich-Handgriff ist nur ausgebildeten Personen und nur bei akuter Erstickungsgefahr vorbehalten.
Psychogen bedingte Hyperventilation
Bei Stress atmet die Person reflektorisch extrem schnell, wodurch CO₂ „abgeatmet“ wird – es entsteht ein CO₂-Mangel mit Kribbeln der Lippen bis zur Pfötchenstellung der Hände.
Maßnahmen: Beruhigen, CO₂-Rückatmung in eine Tüte vor Mund und Nase; Notarzt nur bei Erfolglosigkeit.
Akute Epiglottitis
Kehldeckelentzündung, betrifft meist Kinder von 3–5 Jahren. Inspiratorischer Stridor, Schluckbeschwerden, Speichelfluss, hohes Fieber, kloßige Sprache.
Aortenaneurysmaruptur
Akut einsetzender, stechender Brust-/Schulterschmerz, rasch einsetzende Schocksymptome, ggf. peripher fehlende Pulse. Notarzt, venöse Zugänge, Schockmaßnahmen.
Akutes Abdomen
Akute Bauchschmerzen können viele Ursachen haben – innerhalb und außerhalb des Bauchraums. Eine gemeinsame Grundregel: Patienten nichts essen oder trinken lassen.
Akute Bauchschmerzen gehen oft einher mit schlechtem Allgemeinzustand, bretthartem Abdomen, Abwehrspannung sowie Stuhl- und Windverhaltung.
| Bild | Leitsymptome |
|---|---|
| Perforiertes Magen-/Duodenalgeschwür | Bluterbrechen, Teerstuhl, brettharter Bauch, Schockzeichen |
| Akute Pankreatitis | Gürtelförmiger Oberbauchschmerz in den Rücken ausstrahlend, Fieber, Ikterus, Erbrechen |
| Leber-/Milzriss | Druckschmerz im jeweiligen Oberbauch, Schockzeichen; Milzriss oft mit Schmerzausstrahlung in die linke Schulter |
| Peritonitis | Bretthartes Abdomen, später paralytischer Ileus, Erbrechen, Schockzeichen |
| Ileus (Darmverschluss) | Wind-/Stuhlverhalt; paralytisch: keine Darmgeräusche („Totenstille“); mechanisch: verstärkte, metallische Darmgeräusche, krampfartige Schmerzen |
| Mesenterialinfarkt | Erst heftiger Schmerz, dann schmerzfreies Intervall, dann diffuser Schmerz, Schockzeichen (hohe Sterblichkeit) |
| Appendizitis | Schmerzbeginn periumbilikal, Wanderung in den rechten Unterbauch, Loslassschmerz, lokale Abwehrspannung |
Unfälle & Verletzungen
Von der Augenverletzung bis zum Polytrauma – hier findest du die wichtigsten Erstmaßnahmen für konkrete Verletzungsbilder im Überblick.
Augenverletzung
- Keine Salben ins Auge
- Bei Fremdkörper oder Verätzung: mit 0,9%iger NaCl-Lösung mindestens 20 Minuten spülen
- Bei Verätzung: von nasal nach lateral spülen. Bei Fremdkörpern: von lateral nach nasal wischen und spülen
- Oberkörper hoch lagern, Auge locker mit sterilem Verband abdecken
Tierbisse
Mit Seifenlauge auswaschen (Tollwutprophylaxe). Trotz kleiner äußerer Wunde können Bisse (z. B. Katzenzähne) sehr tief eindringen und Keime tief einschleppen – deshalb Hausarzt/Chirurg aufsuchen lassen.
Insektenstiche im Mund-/Rachenbereich
Besonders gefährlich wegen möglicher Schwellung der Atemwege. Bei allergischer Reaktion sofort Notarzt und Schockmaßnahmen. Sonst: Oberkörper hoch, i.v. Zugang, äußerlich kühlen, vorhandenes Anaphylaxie-Set nutzen, Sauerstoff wenn verfügbar.
Frakturen & Luxationen
- Notarzt benachrichtigen, großlumigen i.v. Zugang
- Keine Einrenkungsversuche
- Verletzten möglichst nicht bewegen, betroffene Region ruhigstellen
- Bequeme Lagerung, bei großen/multiplen Frakturen Schocktherapie
Schädelbasisbruch
Symptome: Ein- oder beidseitiger Bluterguss um die Augen (Brillenhämatom), Blut/Liquor aus Nase oder Ohr, Schwindel, Hirnnervenlähmung.
Lagerung: Kopf hoch, wenn Patient bei Bewusstsein; bei Flüssigkeitsaustritt Kopf zur betroffenen Seite neigen; stabile Seitenlage beim Bewusstlosen.
Stumpfes Bauchtrauma & Polytrauma
Häufig durch Verkehrsunfälle. Innere Organverletzungen (Milz-/Leberriss, Mesenterialgefäß) können unbemerkt zu massivem Blutverlust führen. Oberkörper leicht erhöht lagern, bei Polytrauma zusätzlich Kopf in Mittelstellung bringen und schnellstmöglich den Notarzt rufen.
Amputate
Nicht zu kleine, komplett abgetrennte Körperteile können oft replantiert werden. Das Amputat wird in ein steriles Tuch gewickelt, in eine wasserdichte Tüte gelegt und diese wiederum in eine mit Eiswasser/Eiswürfeln gefüllte Tüte gehängt – nie direkter Kontakt mit Eis.
Vergiftungen
Gifte gelangen über drei Wege in den Körper: Verschlucken, Atemwege oder Haut. Am Ende erreichen sie stets die Blutbahn und schädigen den gesamten Organismus.
| Auslöser | Typische Symptome |
|---|---|
| Alkohol | Alkoholgeruch, motorische/kognitive Störungen, Bewusstseinstrübung, Wärmeverlust durch Gefäßweitstellung |
| Benzodiazepine | Benommenheit, erschlaffte Muskulatur, ataktischer Gang, Atemdepression, Blutdruckabfall |
| Opiate (Morphium, Heroin) | Miosis (enge Pupillen), Hypotonie, Atemdepression, Koma |
| Kokain | Erregung, Hypertonie, Tachykardie, Mydriasis (weite Pupillen), Krampfanfälle |
| Amphetamine | Psychose, Halluzinationen, Hypertonie, Tachyarrhythmie, Tachypnoe, Mydriasis |
| Kohlenmonoxid | Kopfschmerz, Atemnot, Schwindel, rosige Haut, Bewusstlosigkeit, Herzversagen |
| Insektizide | Magen-Darm-Krämpfe, Muskellähmung, Krampfanfälle, Miosis, Atemlähmung |
Pilzvergiftung (Knollenblätterpilz) – die tückische Zeitachse
Die drei Phasen erklären, warum diese Vergiftung so gefährlich ist:
- 0–8/12 h: Zunächst keine Symptome – der Betroffene fühlt sich gesund.
- 8–12 h: Massive kolikartige Krämpfe, Übelkeit, wässrige Durchfälle, drohender Volumenmangelschock.
- 12–24 h: Symptomfreies Intervall – trügerische „Scheinbesserung“.
- 2–4 Tage: Leberzerfall mit Anstieg der Leberenzyme, Gerinnungsstörung, hepatischer Enzephalopathie, Nierenversagen – das eigentlich lebensgefährliche Stadium.
Allgemeine Vergiftungszeichen & Stadien
Neben den spezifischen Symptomen weisen zentrale, psychische und gastrointestinale Störungen sowie Atem-/Kreislaufstörungen auf eine Vergiftung hin. Der Schweregrad wird in vier Stadien eingeteilt:
- I: Schläfrig, aber ansprechbar
- II: Nicht ansprechbar, reagiert auf leichte Schmerzreize
- III: Nicht ansprechbar, reagiert nur noch gering auf starke Schmerzreize
- IV: Vollkommen reaktionslos, ohne Reflexe
Erstmaßnahmen bei Vergiftungen
- Kein Erbrechen auslösen – unbekannt, ob ätzende Substanzen geschluckt wurden
- Erbrochenes, Giftreste, Medikamentenverpackungen, Urin für die Labordiagnostik aufbewahren
- Patienten warm halten
Verätzungen
Verätzungen entstehen durch Laugen (hoher pH-Wert) oder Säuren (niedriger pH-Wert) und betreffen Haut, Schleimhäute oder Augen.
Erstmaßnahmen
- Zum Eigenschutz Gummihandschuhe und möglichst Schutzbrille tragen
- Bei innerer Verätzung: ca. 200 ml Wasser oder Tee zur Verdünnung trinken lassen
- Bei äußerer Verätzung: benässte Kleidung entfernen, Haut ausgiebig mit fließendem Wasser spülen (ohne Wasser: trocken abtupfen)
Verätzungen des Auges
Mindestens 20 Minuten spülen, das Auge dabei offen halten. Der Kopf wird zur Seite des verletzten Auges geneigt, die Spülflüssigkeit läuft aus ca. 10 cm Höhe in den inneren Augenwinkel und über den Augapfel nach außen ab – so bleibt das gesunde Auge unbeeinträchtigt (dieses trotzdem zum Schutz abdecken). Danach beide Augen mit sterilem Tuch verbinden.
Verbrennungen
Wie gefährlich eine Verbrennung ist, hängt von zwei Faktoren ab: der verbrannten Körperfläche und der Verbrennungstiefe. Verbrennungen sehen anfangs oft harmloser aus, als sie tatsächlich sind – die Gewebsschädigung entwickelt sich erst im Verlauf.
Die Neunerregel – verbrannte Körperfläche einschätzen
Beim Erwachsenen sind die Körperflächen jeweils durch neun teilbar. Faustregel: die Handfläche eines Menschen entspricht etwa 1 % seiner Körperoberfläche.
| Körperteil | Erwachsener |
|---|---|
| Kopf | 9 % |
| Rumpf vorn | 18 % |
| Rumpf hinten | 18 % |
| Je Arm | 9 % |
| Je Bein | 18 % |
| Genitalregion | 1 % |
Verbrennungsgrade
| Grad | Befund | Schmerz |
|---|---|---|
| 1. Grades | Rötung wie Sonnenbrand, keine Blasen, keine Narbenbildung | Ja |
| 2. Grades | Brandblasen, feuchter Untergrund, evtl. Narbenbildung | Starke Schmerzen |
| 3. Grades | Komplette Zerstörung aller Hautschichten inkl. Nerven, Verkohlung, starke Narbenbildung | Keine – Schmerzrezeptoren zerstört |
| 4. Grades | Zusätzlich Knochen, Sehnen, Muskulatur betroffen | Keine |
Erstmaßnahmen
- Rettung aus der Gefahrenzone – Brandlöschung der Person/Kleidung (mit Wasser überschütten, Flammen mit Decke ersticken oder Verletzten auf dem Boden wälzen)
- Notarzt rufen
- Verbrennung maximal 10 Minuten kühlen – nur bei Flächen unter 30 %, sonst droht ein zu großer Wärmeverlust
- Brandwunden keimfrei abdecken oder frei lassen
- Keine Salben auftragen, keine eingebrannten Materialien entfernen
Hitze & Kälte
Sonnenstich, Hitzschlag, Erfrierung und Unterkühlung sind Temperaturnotfälle mit sehr unterschiedlichem Gefährdungsgrad.
Sonnenstich
Reizung der Gehirnhäute durch zu lange Sonneneinstrahlung auf den ungeschützten Kopf.
Symptome: Kopfschmerz, Nackensteifigkeit, Übelkeit, hochroter Kopf, Schwindel; bei Kleinkindern manchmal hohes Fieber, Krämpfe, Bewusstlosigkeit.
Maßnahmen: In den Schatten, Kopf mit feuchten Tüchern kühlen; bei Kleinkindern mit hohem Fieber unbedingt Arzt aufsuchen (Meningitisgefahr); bei Bewusstlosigkeit/Krämpfen Notarzt.
Hitzschlag
Entsteht durch längere Hitzeexposition kombiniert mit unzureichender Wärmeableitung und Flüssigkeitsmangel.
Symptome: Wie Sonnenstich, zusätzlich Tachykardie bei niedrigem Blutdruck, verstärkte Atmung, Fieber über 40 °C, heiße trockene rote Haut.
Maßnahmen: Notarzt, an kühlen Ort bringen, kühle Umschläge, Kleidung öffnen, i.v. Zugang, Sauerstoff wenn möglich.
Erfrierung – lokale Kälteschädigung
| Grad | Befund |
|---|---|
| 1. Grades | Weiße Verfärbung, Gefühllosigkeit, später blaurot und schmerzhaft |
| 2. Grades | Ausgeprägte Schwellung („Frostbeulen“), starker Schmerz |
| 3. Grades | Minderdurchblutung führt nach ca. einer Woche zum Absterben des Gewebes (nekrotische Blau-Schwarz-Färbung) |
Erstmaßnahme: Langsame Erwärmung, am besten im lauwarmen Wasserbad – keine schnelle Wärmeapplikation.
Unterkühlung – der Gesamtorganismus kühlt aus
Körperkerntemperatur unter 35 °C. Akute Lebensgefahr besteht ab < 27–30 °C.
- Stoffwechsel verlangsamt sich, der Mensch wird müde, schläfrig – im Schlaf kann nichts mehr gegen die fortschreitende Unterkühlung unternommen werden.
- Bradykardie, Stoffwechsel verlangsamt sich weiter.
- Kammerflimmern, dann Herzstillstand.
- Ab ca. 27 °C: Scheintod – keine Lebenszeichen mehr, aber nach Erwärmung evtl. reanimierbar.
Stromunfälle & Beinaheertrinken
Stromunfälle
Durchfließender Strom kann Herzrhythmusstörungen bis zum Herzstillstand (Hauptgefahr!), Muskelverkrampfungen (die Stromquelle kann nicht losgelassen werden), Atemmuskelverkrampfung, Gehirnschädigung und Verbrennungen verursachen.
Weitere Maßnahmen: Reanimation bei Herzstillstand, Verbrennungen keimfrei abdecken. Da Herzrhythmusstörungen noch Tage später auftreten können, muss jeder Stromunfallpatient stationär beobachtet werden. Bei Blitzschlag gelten dieselben Maßnahmen.
Beinaheertrinken
Beim Ertrinken füllt sich die Lunge mit Wasser, eine Versorgung mit Atemluft ist ausgeschlossen.
Symptome: Weißlich-blutiger Schaum vor dem Mund, Zyanose, Bewusstlosigkeit, selten Schnappatmung, evtl. Krampfanfälle, häufig Erbrechen.
- Opfer flach hinlegen (Rest-Hirndurchblutung sichern)
- An Wirbelsäulenverletzung denken (z. B. nach Kopfsprung)
- Atemwege frei machen, Mund-zu-Mund-Beatmung, Notarzt
- Vitalfunktionen überwachen, Reanimation nach C-A-B
- Opfer wärmen
Injektionen – Grundlagen & Recht
Heilpraktikern sind im Prinzip alle Injektions- und Punktionsarten erlaubt. Ob du sie in deiner Praxis anwendest, hängt davon ab, welche Therapieform du erlernt hast – deine Sorgfaltspflicht gebietet dir aber klare Grenzen.
Allgemeine Regeln vor jeder Injektion
- Aufklärung über Injektionsart, Nebenwirkungen, mögliche Komplikationen
- Einwilligung des Patienten (mündlich ausreichend) – gilt auch für Kinder. Bei Bewusstlosigkeit: Handeln „im mutmaßlichen Einverständnis“ (Geschäftsführung ohne Auftrag, § 680 BGB)
- Abklärung bekannter Unverträglichkeiten/Allergien
- Dokumentation von Aufklärung, Einwilligung, Medikament und Injektionsart in der Patientenkartei
- Hygienevorschriften: Hände- und Hautdesinfektion mit Einwirkzeit, Tupfer, Abwurfbehälter für Kanülen und sonstige Abfälle bereithalten
- Patient sitzt oder liegt in entspannter Atmosphäre
Begriffe
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Injektion | Sterile Flüssigkeit wird mit einer Hohlnadel dem Körper zugeführt |
| Punktion | Einstich in Hohlorgan, Körperhöhle, Organgewebe (Parenchym), Gefäß oder Tumor – dient der Entnahme von Gewebe/Flüssigkeit oder ebenfalls der Medikamentengabe |
| Infusion | Länger andauernde Injektion größerer Flüssigkeitsmengen über eine Venenverweilkanüle |
| Blutentnahme | Genauer bezeichnete Punktion – kapillar (Ohrläppchen/Fingerkuppe) oder venös |
Vorteile der Injektion gegenüber oraler Gabe
- Schnellere Wirkzeit – intrakutan/intravenös: Sekunden, intramuskulär: 10–15 Min, subkutan: 20–30 Min
- Umgehung des Magen-Darm-Trakts (daher „parenteral“) – kein Wirkungsverlust durch Resorptionsstörungen/Verdauungsenzyme
- Besonders wichtig in der Notfalltherapie: einem Bewusstlosen wird niemals oral ein Medikament gegeben (Aspirationsgefahr)
Mögliche Komplikationen
- Allergien/Unverträglichkeiten – bis zum anaphylaktischen Schock
- Synkopen/Ohnmacht als psychische Reaktion
- Hämatome bei Durchstechen einer Gefäßwand
- Nervenschädigung bei fehlerhafter i.m. Injektion
- Spritzenabszess
- Gewebsschädigung bei falscher Applikationsart (z. B. versehentlich intramuskulär statt intravenös)
Die vier Injektionsarten
Prüfungsrelevant sind vier Injektionsarten: intrakutan, subkutan, intramuskulär und intravenös. Weitere Arten (intraarteriell, intraartikulär, intrakardial, intrathekal, intratracheal) sind wegen des hohen Risikos dem Arzt bzw. einer Zusatzausbildung vorbehalten.
Intrakutane Injektion (i.c.)
Injektion in die Lederhaut (Korium). Menge: nur 0,1–0,3 ml, es bildet sich eine Quaddel. Einstich flach, 2–3 mm parallel zur Haut.
Anwendung: Neuraltherapie (Lokal-, Störfeld- oder Segmenttherapie), Narbenentstörung, Allergentestung, Injektionsakupunktur.
Subkutane Injektion (s.c.)
Injektion in die Unterhautfettschicht. Hautfalte mit Daumen und Zeigefinger anheben, im 45°-Winkel einstechen (bei 25-mm-Kanüle); 12-mm-Kanülen können senkrecht gestochen werden.
Anwendung: Insulin, Heparin, Neuraltherapie tiefer Narben. Injektionsorte 1. Wahl: Bauchdecke um den Nabel, seitliche/vordere Oberschenkel.
Intramuskuläre Injektion (i.m.)
Wird überwiegend in den M. glutaeus medius (mittlerer Gesäßmuskel) verabreicht – in der Nähe verläuft der N. ischiadicus, weshalb korrekte Technik entscheidend ist. Weitere, seltenere Orte: M. deltoideus (hohe Nerven-/Gefäßgefahr) und M. vastus lateralis.
Die sicherste Methode zum Auffinden des M. glutaeus medius (Patient liegt auf der Seite):
- Zeigefinger der flachen Hand ertastet den vorderen oberen Darmbeinstachel (Spina iliaca anterior superior).
- Mittelfinger gleitet ca. 7 cm entlang des Darmbeinkamms nach hinten.
- Zeige- und Mittelfinger breit gespreizt lassen, Hand gegen den Uhrzeigersinn drehen, Handteller liegt auf dem großen Rollhügel (Trochanter major).
- Der Injektionspunkt liegt in der Spitze des Dreiecks zwischen Zeige- und Mittelfinger.
- Einstich senkrecht zur Hautoberfläche.
Bei der alternativen Crista-Methode erfolgt der Einstich dagegen tief, schräg in Richtung Bauchnabel – der Unterschied liegt also in der Nadelhaltung beim Einstechen.
- Kanülenlänge: 40 mm (schlank) bis 120 mm (adipös)
- Zügig einstechen, aber langsam injizieren (ca. 2 ml/min)
- Aspiration Pflicht: Wird Blut angesaugt, liegt die Kanüle in einem Gefäß – dann mit neuer Kanüle an anderer Stelle neu einstechen
Anwendungsgebiete i.m.
- Medikamente, die nicht i.v. gespritzt werden dürfen (ölige Lösungen, manche Vitaminpräparate)
- Verdacht, dass das Medikament oral/enteral nicht aufgenommen wird (z. B. Durchfallerkrankung)
- Gewünschte Depotwirkung – langsame, verzögerte Freisetzung
Komplikationen der i.m. Injektion
| Komplikation | Beschreibung |
|---|---|
| Spritzenabszess | Tief eingeschleppte Keime (häufig Staphylokokken) führen nach Tagen zu Schmerz, Rötung, Schwellung – meist chirurgische Behandlung nötig, sonst droht lebensgefährliche Sepsis. Über dieses Risiko muss auch bei sachgemäßer Durchführung aufgeklärt werden. |
| Spritzenlähmung | Ein Nerv wurde getroffen – spürt der Patient beim Einstich einen „elektrischen Schlag“, darf keinesfalls injiziert werden. |
| Kanülenbruch | Durch reflexartige Muskelverkrampfung; deshalb Kanüle nie komplett einstechen. Bricht sie doch: Patient ruhig halten, Notarzt für chirurgische Entfernung. |
Intravenöse Injektion (i.v.)
Wird direkt in eine Vene gegeben – meist die Armvenen der Ellenbogenbeuge, alternativ Unterarm oder Handrücken.
Indikation: Schnelle Wirkung nötig, Medikament nicht anders applizierbar, sichere Aufnahme unter Umgehung des Verdauungstrakts erforderlich.
Durchführung (Kernschritte): Blutdruck messen · Hände desinfizieren · Staubinde anlegen · Einstichstelle desinfizieren · schräg einstechen · aspirieren (dunkles venöses Blut muss sichtbar sein) · Staubinde lösen · langsam injizieren · Kanüle unter Tupferdruck zurückziehen und mind. 5 Minuten komprimieren.
Infusion, venöser Zugang & Blutentnahme
Periphervenöse vs. zentralvenöse Infusion
Für Heilpraktiker sind nur Kurzzeitinfusionen über einen periphervenösen Zugang relevant – isotonische Lösungen, Dauer im Schnitt 15–30 Minuten, höchstens 3 Stunden. Dafür eignen sich dünnwandige Butterfly-Kanülen für feine Venen.
Infusionslösungen
| Lösung | Zusammensetzung | Einsatz |
|---|---|---|
| Isotone Kochsalzlösung | 9 g NaCl / 1 l Wasser = 0,9 % | Schnelle Volumensubstitution, z. B. hypovolämischer Schock |
| Ringer-Lösung | NaCl, KCl, CaCl₂ – isotonisch | Elektrolytersatz, Volumenersatz, Trägerlösung, Dehydratation |
Isoton bedeutet: Die gelöste Teilchenmenge pro Liter entspricht der des Blutplasmas.
Blutentnahme
Intravenöse Punktion
Indikation: Labordiagnostik, Aderlass, Eigenbluttherapie. Gleiche Punktionsstellen wie bei der i.v. Injektion; bei schlechten Venenverhältnissen helfen warme Kompressen und mehrfaches Faustschließen.
Kapillarblutentnahme
Aus Ohrläppchen oder Fingerbeere mittels steriler Einmallanzette (Hämostilette/Stechhilfe) – sehr risikoarm.
Indikation: Hb-Wert, Blutgase, Blutzuckerbestimmung.
Vorgehen: erste Blutstropfen mit Tupfer abwischen, erst den zweiten Tropfen zur Untersuchung verwenden.
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